Zurück mit einem der größten Siege

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

Simon Gauzys Sieg über Xu Xin im Einzel bei der Weltmeisterschaft 2019 ist einer der größten Tischtennissiege, die einem Europäer gelungen sind, seit Werner Schlager bei der WM 2003 Wang Liqin und Kong Linhui besiegte und J-O Waldner im Jahr darauf Ma Lin bei den Olympischen Spielen schlug. In vorliegendem Artikel berichtet der 25-jährige Franzose über das Spiel seines Lebens, was man aus einer Langzeitverletzung lernen kann – und darüber, wie wichtig es ist, seinen Sport aus tiefstem Herzen zu lieben.

Simon Gauzy bei der WM 2019. Foto: Remy Gros/ITTF

Arena Hungexpo, Budapest, 24.Mai 2019, 16.00 Uhr. WM im Herreneinzel, dritte Runde. Der an Nummer eins gesetzte Chinese Xu Xin gegen den Franzosen Simon Gauzy, der vor allem bekannt ist für seine Kreativität und für seine Fähigkeit, in entscheidenden Situationen neuentwickelte und ungewöhnliche Schläge zu liefern. „Da Xiu Xins Vorhandloop so hart ist, musste ich mich auf die Aufschlagrückgabe konzentrieren.“, berichtet Simon Gauzy, als wir in der Topspin-Lounge des Hotel Mohren in Ochsenhausen sitzen.

„Der Schlüssel war, viel mit der Vorhand zu flippen und die ganze Zeit zwischen „Banane“, „Erdbeere“ und kurzen Rückschlägen mit meiner Rückhand zu wechseln.“

Ein Sieger. Gauzy während des Spiels gegen Xu Xin in Budapest. Foto: ITTF

Gauzy gewinnt den ersten Satz, verliert aber den zweiten. Im dritten wendet er ein  1-5 in ein 7-5, verliert aber den Satz dennoch.
„Das war hart. Da musste ich richtig kämpfen, um fokussiert zu bleiben. Aber als ich im vierten Satz beim Stand von 5-6 sechs Punkte hintereinander machte und damit den Satz gewann, hatte ich das Gefühl, zumindest eine 50%ige Gewinnchance zu haben. Er brachte meine Aufschläge nicht besonders gut zurück. Ich merkte, dass er ängstlich war. Er sah immer öfter zu seinem Trainer hin, der anfing aufzustehen und nach fast jedem gewonnenen Punkt zu klatschen.“
Simon Gauzy verwirrte Xu Xin permanent. Er wechselte ständig zwischen langsamen Vorhand-Topspin mit maximalem Spin auf die Rückhand des Chinesen und rasend schnellen Rückhandloops, tief in die äußerste Vorhand von Xi Xin. Er überraschte den Chinesen mit einem reichen Repertoire an Aufschlägen und Rückgaben in einer schönen Mischung von Tempo und Schnitt, manchmal mit einer Rechts- dann wieder mit Linksrotation – immer mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. 

Mut
Bei 9-9 im fünften Satz steht das Spiel auf der Kippe. Das bewegt Simon, etwas zu tun, was er in diesem Spiel überhaupt noch nicht gemacht hat. Er spielt einen langen, schnellen Aufschlag präzise auf den Wendepunkt, da wo Xu Xin sich entscheiden muss, ob er den Ball mit der Vor- oder Rückhand annimmt. Der Chinese ist überrascht, zögert eine zehntel Sekunde – und trifft den Ball nicht. Ein entschlossener Vorhandflipp tief in die Rückhand bringt Gauzy den nächsten Punkt und den Satzgewinn.

„Den ganzen sechsten Satz kontrollierte ich das Spiel, aber es fühlte sich nicht so an, als ob ich in Trance spielte. Oder vielleicht doch ein bisschen – ich erinnere mich nicht mal an den Matchball. Nur daran, dass ich dachte: Passiert das hier wirklich? Das ist mein bestes Spiel, das ich je gemacht habe; dass es bei einer WM war, ist fantastisch.“

Der schnelle Rückhand Topspin. Foto: ITTF

Langzeitverletzung
Auch wenn er im Viertelfinale gegen den Schweden Mattias Falck ausschied, war die WM in Budapest ein Comeback und eine Revanche für Simon Gauzy. Im November 2017 war er zum ersten Mal unter den Top-10 der Weltrangliste, zog sich aber einige Monate später eine Verletzung zu.

„Ich spielte für meine Mannschaft Liebherr Ochsenhausen in der Bundesliga gegen Benedikt Duda. Nach dem Spiel konnte ich mich kaum bewegen. Ich hatte schreckliche Schmerzen im Rücken, die nicht aufhörten. Ich wollte mich gerne für den World Cup in Paris qualifizieren, deshalb fühlte ich mich gezwungen, auch Europe Top 16 zu spielen. Das war im Februar. Dann dauerte es trotzdem bis zum Herbst, bevor ich schmerzfrei war.“
Bei der Europameisterschaft im Einzel im Herbst 2018 verpasste Gauzy vier Matchbälle gegen Duda und geriet danach in eine Abwärtsspirale von Verlusten. Das machte ihm seine lange, krankheitsbedingte Pause bewusst und er verlor sein Selbstvertrauen. Er rutschte in der Rangliste ab.

Foto: Jens Fellke

„Ich fühlte mich beschissen und eine Zeit lang glaubte ich, dass ich nicht zurückkommen würde, dass dies mein Ende als Tischtennisspieler wäre.“

„Glücklicherweise habe ich Menschen in meinem Team, denen ich zu 100% vertraue. Meine fantastischen Trainer Michel Blondel und Jean-René Mounie ermunterten mich, Probleme offensiv anzugehen. Das ist nicht leicht, wenn du selbst nicht mehr an dich glaubst. Du fühlst dich einsam. Du warst verletzt und willst schnell dorthin zurück, wo du vorher warst. Du wirst ungeduldig und setzt dich zu sehr unter Druck.“

Heute ist Simon Gauzy dankbar für die schwere Zeit. Er hat das Gefühl, sich selbst besser zu kennen, dass die Verletzung und die Reise zum tiefsten Punkt des Selbstvertrauens ihn geduldiger gemacht haben. Und zu einem besseren und stärkeren Tischtennisspieler.

„Ich machte eine neue und wichtige Erfahrung. Ich weiß jetzt, welche Belastung eine langandauernde Verletzung ist – und wie ich sie bewältige muss, falls es nochmal passiert.“

Verließ sein zu Hause als Zwölfjähriger
Simon Gauzy wuchs in der kleinen Gemeinde Bérat in Südfrankreich, nahe der Grenze zu Spanien, auf. Er ist der älteste von vier Brüdern. Sein Vater spielte Tennis auf Meisterschaftsniveau und schon mit vier Jahren fing Simon im Tennisklub an. Einige Jahr spielte er gleichzeitig Tischtennis bis das Tennis weichen musste.

„Tischtennis machte mehr Spaß und war mehrdimensionaler. Es war mehr sozial. Beim Tennis fühlte ich mich einsamer.“

Simon zeigte früh Talent, wurde französischer Meister für Elfjährige und im Jahr danach wollte Michel Blondel, dass er nach Paris gehen und beim staatlichen INSEP (Institut National des Sport, Internat, 24 Sportarten) beginnen sollte. Blondel überzeugte seine Eltern und argumentierte damit, dass Jean Philip Gatien dasselbe gemacht hatte, um in den 90er Jahren die Nr. 1 in der Welt zu werden – so müsste es auch Simon machen, um seine maximale Leistung zu erreichen.

„Ich war gerne in dieser Umgebung, obwohl es am Anfang schwer war, von zuhause weg zu sein, in die Internatsschule zu gehen und sechs Stunden am Tag Tischtennis zu trainieren. Ich schlief abends um halb acht ein.“

Es war vor allem eine Sache, die Eindruck auf Blondel machte, bevor er Gauzy nach Paris haben wollte: Simons Verhältnis zum Spiel, seine unbedingte Liebe zu allem, was er am Tisch machte. Und sein ausgesprochener Siegeswille.

Von Frankreich nach Deutschland
Die Begeisterung hat Simon Gauzy weit gebracht. Er ist einer von acht Europäern, die es in den letzten 15 Jahren in die Top 10 der Weltrangliste geschafft haben. Ein Star war er schon mit elf Jahren als er bei den Euro Mini Champs im Finale gegen den Schweden Hampus Söderlund verlor, an dem er drei Jahre später bei der Schüler-WM in Prag Revanche nahm.
Einen Sieg im Einzel bei der Jugend-Europameisterschaft  erreichte er nicht, aber das Finale. Bei der Jugendolympiade 2010 erreichte Simon eine Medaille. Sechs Jahre später hatte er sein erstes Meisterschaftsendspiel bei den Herren erreicht. Es ging um den EM-Titel und es endete mit einer Niederlage gegen seinen Landsmann Lebesson.

Schon als Jugendlicher zog Simon nach Ochsenhausen. Dort wohnt er immer noch.

„Bei Liebherr Ochsenhausen gibt es eine stolze Tradition des qualitativ hochwertigen Trainings, das viele Spieler in der Weltrangliste nach oben klettern ließ. Wir haben hochqualifizierte Trainer mit unterschiedlichen Spezialitäten. Es ist ein gut geführter Traditionsverein. Sowohl Jörgen Persson, als auch Ma Wenge haben hier gespielt. Als ich hierher kam, war Ex-Olympiasieger Ryu Seung-min in der Mannschaft.“

Um langfristig optimal trainieren zu können, legt man in Ochsenhausen viel Wert auf physische Stärke.

„Als ich hierher kam, wog ich 65 Kilo. Man machte mir klar, dass ich, wenn ich etwas erreichen wollte, erheblich stärker werden müsse. Ich sollte Muskeln aufbauen. Das würde mich stärker aber auch schwerer und damit langsamer am Tisch machen. Das war eine schwere Abwägung. Mit Hilfe unseres Physio-Trainers Mika Simon bauten wir tischtennisspezifische Kraft auf, so dass ich stärker und schneller wurde. Heute wiege ich 78 Kilo, also 13 Kilo mehr als zu Beginn.“

Jetzt bist du unter den 20 Besten in der Welt – worauf konzentrierst du dich am Tisch, um weiter zu kommen?

„Meine Aggressivität mit der Vorhand zu erhöhen, so dass ich die Duelle früher abschließen kann.“

Zum Schluss: was ist das Wichtigste für einen Spieler, der die Spitze erreichen will?

„Deine Liebe zum Sport. Ohne die schaffst du die geforderten Anstrengungen nicht.“

Auf den rechten Arm hat Simon Gauzy sein Lebensmotto tätowieren lassen. Foto: Jens Fellke

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