WTT – eine neue Dimension im Tischtennis?

Jens FellkeAktuellesLeave a Comment

Sun Yingsha und Ma Long sind die historischen Gewinner des allerersten WTT Turniers. Sun und Ma besiegten Chen Xingtong bzw. Wang Chuqin mit 5:1 in einem Best-of-Nine Finale. Sun Yingsha trat die Heimreise mit 70.000 USD, Ma Long sogar mit 72.500 USD Preisgeld in der Tasche an.

WTT, World Table Tennis, ein Werkzeug für die ITTF, um Tischtennis auf ein neues kommerzielles Level upzugraden. Foto: ITTF

Sowohl Sun, als auch Ma hatten jedoch ihr schwierigstes Match schon vor dem Finale. Sun gewann mit 12:10 im siebten und entscheidenden Satz gegen ihre Mannschaftskollegin Wang Manyu im Halbfinale, obwohl sie schon 1:3 zurück lag, einen Matchball im sechsten und zwei Matchbälle im siebten Satz abwehren musste, bevor sie letztendlich als Siegerin vom Tisch ging. Ma hatte einen harten Kampf im Viertelfinale gegen Jeoung Youngsik aus Korea, als er auch erst im Entscheidungssatz mit 11:5 gewann.

Der Sieger von Macao, Ma Long, verdiente 72.500,- USD. Foto: ITTF


Die größte Überraschung im Damenwettbewerb war der Sieg von Chen Xintong über Chen Meng im Halbfinale, nach Abwehr eines Matchballs. Bei den Herren war es Mattias Falck, der Xu Xin besiegte und dadurch das Halbfinale erreichte, in welchem der mit kurzen Noppen auf der Vorhand spielende Schwede allerdings keine wirkliche Chance gegen Wang Chuqin hatte.

Nach dem World Cup in Weihai und den ITTF Finals in Zhengzhou ging es für das Neustart-Event des internationalen Tischtennis nach Macao für die Premiere von WTT – World Table Tennis – welches vom 25. bis 29. November ausgetragen wurde.
Die Frage ist nun aber, warum das eine Premiere war? Was unterscheidet WTT von der bisherigen ITTF World Tour?
Nun, WTT ist mehr als eine World Tour. Es ist sozusagen ein Werkzeug für die ITTF, um Tischtennis auf ein neues kommerzielles Level upzugraden, was ein Ziel im „Strategic plan 2018-2024“ des Weltverbands ist. Dieser Plan fordert, dass die ITTF die Einnahmen durch Eventsponsoren verdoppelt, ebenso die Einnahmen aus Übertragungen. Auch die Reichweite soll bei Übertragungen um 50% gesteigert werden.

Bei den Damen hatte Sun Yingsha vor dem Finale einige Matchbälle gegen sich. Dieses gewann sie aber klar mit 5:1 gegen Chen Xingtong. Foto: ITTF

Um diese Ziele zu erreichen bzw. zu übertreffen begann der Verband den aktuellen Status und Wert seiner kommerziellen und eventbasierten Tätigkeiten zu untersuchen. Sie beauftragten die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte und die internationale Rechtsanwaltskanzlei Withers, eine umfangreiche Prüfung der bisherigen Situation durchzuführen und die bisherige Herangehensweise der ITTF in diesen Dingen zu analysieren. Das Ergebnis war deutlich: Deloitte und Withers bewerteten die kommerziellen Rechte der ITTF weitaus höher, als die Einkünfte, die durch die ITTF in 2018 (15 Millionen USD) erzielt wurden. Ein Hinweis darauf ist das Interesse an Tischtennis in den sozialen Medien. Ungefähr 1.2 Milliarden Interaktionen wurden auf den Kanälen der ITTF in den sozialen Medien in 2019 registriert, darunter fast 550 Millionen auf Youtube, über 300 Millionen auf Weibo und 200 Millionen auf Facebook. Außerdem verfolgten 265 Millionen Leute aus 145 Ländern die Übertragungen der letzten Weltmeisterschaft. Das sind außergewöhnliche Zahlen, auch im Vergleich zu allen anderen Sportarten.

Im August 2019, um etwas mehr aus dem von Deloitte und Wither aufgezeigten Potential herauszuholen, gründete die ITTF dann WTT, das „kommerzielle Gefährt, um Tischtennis in eine neue Dimension zu befördern“. Mit ITTF CEO Steve Dainton und ITTF Media director Matt Pound als WTT Directors, und Joachim Davy als WTT creative director, kam der Stein ins Rollen. Während der zweiten Jahreshälfte 2020 wurden die zukünftigen Ideen für Wettbewerbe präsentiert:

  • Jährliche Weltmeisterschaften mit erweitertem Format;
  • Sogenannte „Grand Smashes“ als neue Turnierhöhepunkte mit vier Events jährlich, jedes davon über 10 Tage, nur Einzelwettbewerb, mit Preisgeld bis zu 3 Millionen USD pro Wettbewerb;
  • Eine WTT Serie ersetzt die ITTF World Tour mit drei Kategorien an Turnieren – Champions Series, Star Contender Series und Contender Series

Zusätzlich wurden verschiedene Partner verpflichtet. QG Sports, eine in Peking angesiedelte Firma, die ihr Geld in China im Bereich Jugend Tischtennis verdient, zahlt ca. zwei Millionen USD jährlich für einen Eigentumsanteil von 30% der WTT, wodurch diese dann offensichtlich nicht mehr ausschließlich im Besitz der ITTF ist. Neben anderen ist auch eine Partnerschaft mit IMG unterzeichnet worden, welche den Aufbau und die Verbreitung der globalen Medienrechte, Produktionsübersicht, Wettdaten und Streaming-Rechte für die IMG Arena beinhaltet. Es wird angenommen, dass aus diesen Kooperationen viel Geld generiert werden kann. 

Nach dem ITTF Budgetplan, vorgestellt während des Annual General Meetings (AGM) 2020 am 28. September, wird WTT das Einkommen für die ITTF von 24 Millionen USD in 2019 auf 60 Millionen und mehr ab 2022 erhöhen. Die anfänglichen Investitionen sind allerdings auch sehr groß, wodurch die ITTF nach einem Plus an 75.000 USD in 2019, im Zeitraum 2020-2022 ein Minus von insgesamt 18 Millionen USD bilanzieren wird.

„Ab 2025 werden wir Geld verdienen“, verspricht Michael Brown, ITTF Chief Finance Officer, während des AGM.

Bernadette Szocs wird vorgestellt. Foto: ITTF

Doch genug vom „wie und warum wurde WTT gegründet“, zurück nach Macao und dem Premierenturnier der WTT Ende November. Viele Dinge waren neu. Das gesamte Design, Tisch, Boden und Umrandungen wurde in schwarz und orange gehalten. Das Preisgeld belief sich insgesamt auf 800.000 USD für den Männer- und Damenwettbewerb, was insgesamt dreimal höher als bei den ITTF Platinum German Open zu Beginn des Jahres ist. Jeder Spieler bekam nur bei Antritt schon 15.000 USD. Außerdem gab es einen ganz neuen Turnierablauf.

Nur 16 Damen und 16 Herren nahmen am Turnier teil. Am ersten Tag spielten die an Position 9-16 gesetzten Spieler in vier Best-of-Five Spielen mit Entscheidungspunkt bei 10:10 in allen Sätzen, ausgenommen dem Entscheidungssatz, der weiterhin mit zwei Punkten Unterschied gewonnen werden musste, gegeneinander. Zusätzlich gab es Spiele zwischen den vier höchstplatzierten Spielern Ma Long, Xu Xin, Lin Gaoyuan und Hugo Calderano, in denen in allen Sätzen nur bis 5 gespielt wurde, mit einem Entscheidungspunkt bei 4:4, ebenso im Entscheidungssatz. Das Ergebnis bestimmte die Reihenfolge der Setzung für die Viertelfinals.

Am zweiten Tag trafen die an 5-8 gesetzten Spieler auf die Sieger des ersten Tages und spielten um die vier freien Plätze für die Viertelfinals. Am dritten Tag wurden die Viertelfinals ausgespielt, jedoch nicht nach einer normalen Auslosung. Der Sieger der „Top 4 Battles“ konnte als erstes seinen Gegner für das Viertelfinale auswählen, der Zweitplatzierte als Zweiter usw. Bei den Damen wählte Wang Manyu, die das „Top 4 Battle“ gewann, Cheng I-Ching aus Taiwan, was sich als gute Wahl herausstellte. Wang Manyu gewann das Viertelfinale mit 3:1. Schlechter ging es allerdings für den bei den Männern an Positions 1 gesetzten Xu Xin aus, der Mattias Falck wählte – er verlor das Spiel mit 1:3. Die Halbfinals gingen über vier Gewinnsätze, die Finals sogar über fünf Gewinnsätze.

Aufgrund der Covid-19 Pandemie fanden die World Cups, das ITTF Finals und WTT Macao in einer Blase mit strikter Quarantäne für alle involvierten Spieler, Trainer und auch Mitarbeiter statt. Das bedeutete ca. 40 Tage in kompletter Isolation für alle, die an allen drei Turnieren teilnahmen. Bis jetzt gab es keine Meldungen über einen Corona Fall unter den Teilnehmern. Und die Spieler waren alle sehr glücklich, abgesehen von den Quarantäneumständen. Die Organisation war natürlich perfekt, genauso wie die Verpflegung und die Spielbedingungen. Der Transport zwischen den Turnierstädten fand in einem speziellen Privatflugzeug statt.

Und nicht zu vergessen das Preisgeld. Ein Spieler wie Mattias Falck hat 10.000 USD für seinen Viertelfinaleinzug im World Cup, 16.500 USD für das Viertelfinale bei den ITTF Finals und 32.500 USD für das Erreichen des Halbfinals in Macao gewonnen. Insgesamt 59.000 USD für fünf Wochen Arbeit. Ma Long war der Bestverdiener – mit 162.500 USD.

Hugo Calderano war froh darüber, wieder international spielen zu können. Foto: ITTF

Danach gab es Grußbotschaften von vielen Spielern. Hugo Calderano veröffentlichte einen positiven Beitrag auf seinen sozialen Kanälen: “After 5 weeks in China, I’m heading back to Germany. I left WTT Macao after a defeat to Wang Chuqin in the quarterfinals. In spite of the difficulties, I was happy to be safely back to international competitions. Thank you @ittfworld and all the organizers! And thank you all for supporting me all the way 🙂”

Andere, wie Seo Hyo Won, Robert Gardos, Adriana Diaz, Ding Ning, Mattias Falck, Ma Long und Bernadette Szöcs schrieben Nachrichten mit Danksagungen, ähnlich wie Calderano.

Wie wird es mit WTT in der Zukunft weitergehen? Die Pandemie ist natürlich eine große Hürde und macht Vorhersagen für 2021 unmöglich. Aber es gibt auch interne Widerstände. Mehrere starke und große ITTF Mitgliedsverbände behaupten, dass WTT sie zurücklässt und es einen Mangel an Transparenz seitens WTT und seinen Direktoren gibt, die zeitgleich auch ITTF Direktoren sind. Vorschlag 24 an das 2020 Board of Directors (BoD) Meeting am 19. November, welcher Ausrichtungen des WTT Turnierkonzepts beinhaltete, wurde vom BOD abgelehnt. Yoshihito Myazaki, der Executive Director des Japanischen Tischtennisverbandes, glaubt, dass WTT sowohl Geld, als auch Leute verlieren wird.

„Für die 226 Länder und Regionen, die als Mitglied der ITTF beigetretet sind, ist es nicht der bevorzugte Weg die Prioritäten darauf zu legen, Sponsoren anzulocken“, sagte Mr. Myazaki zuvor in diesem Jahr. „Die Ressourcen werden mehr auf die Spitze der Pyramide konzentriert, das Fundament wird jedoch einstürzen.“

Was auch immer passieren wird, WTT scheint eine interessante Geschichte zu sein, der man weiter folgen sollte.

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