Vom talentierten Spieler zum Profitrainer – Die Geschichte von Bogdan Pugna

Jens FellkePortrait, TrainerportraitLeave a Comment

Bis zu 14 Stunden am Tag, fast jeden Tag in der Woche, verbringt der 30-jährige Rumäne Bogdan Pugna in der Trainingshalle des Sparkassen TT-Leistungszentrums in Ochsenhausen. Dort arbeitet er mit allen Spielern – von den Jüngsten im Liebherr Masters College bis hin zu Hugo Calderano. Und wenn das compass Talent Flavien Coton zu einem seiner regelmäßigen Trainingsbesuche kommt, ist Bogdan dafür verantwortlich, den Aufenthalt zu etwas Besonderem im kontinuierlichen Entwicklungsfluss des 14-jährigen Franzosen zu machen.

Bogdan Pugna. Foto: compass

Zu einem vielversprechenden U15 Talent im rumänischen System herangewachsen, ging Bogdan Pugna nach seinem Schulabschluss nach Frankreich. Er kam als Spieler, aber schon bald wechselte er die Seite und schlug eine Trainerkarriere ein. Nachdem er jetzt einige Jahren in Deutschland verbracht hat, verfügt er somit bereits über umfassende Erfahrungen in drei der erfolgreichsten Tischtennis-Länder Europas.

„Ich habe meine Hausaufgaben gemacht und Erfahrungen gesammelt. Es ist an der Zeit, Dinge zu optimieren und ein Experte zu werden. Ich habe es nicht geschafft, einer der besten Spieler zu sein. Jetzt ist es mein Ziel, der Trainer zu werden, der einem Spieler helfen kann, sein bestmögliches Niveau zu erreichen.“

Eine Mischung der verschiedenen Charakteristika aus den drei Tischtenniskulturen, in denen er gearbeitet hat, hat dafür gesorgt, dass er seinen persönlichen Stil finden konnte.


Was wäre generell der Inhalt einer solchen Mischung?

„Das rumänische System ist sehr stark auf Leistung ausgerichtet. Die Sportministerium zahlt alle Kosten, aber man kann kurzfristig rausgeschmissen werden, sowohl als Spieler als auch als Trainer. In den Sportschulen trainieren alle etwa 33 Stunden pro Woche. Das Training basiert auf Wiederholungen und dem Erlernen einer guten Technik. Die Atmosphäre ist sehr ernst und es ist normal zu den Spielern ziemlich hart zu sein. Als ich einmal um 6 Uhr morgens von einem Turnier nach Hause kam, war es keine Frage, dass ich nicht am Training teilnahm, welches zwei Stunden später begann.

In Frankreich ist Vergnügen wichtig. Die Mentalität ist, zu lächeln und sich wohl zu fühlen. In Deutschland ist man sehr strikt, was man zu machen hat und alles muss mit gegenseitigem Respekt passieren. Aber vielleicht ist man ein bisschen weniger kreativ als in Frankreich.“

Bogdan weist darauf hin, dass die meisten der prominenten rumänischen SpielerInnen – Michaela Steff, WRL 3 in ihrer besten Zeit, Kreanga (7), der für Griechenland gespielt hat, aber ursprünglich aus Rumänien stammt, und Crisan (12) – im rumänischen System aufgewachsen sind, dann aber in ihren späten Jugendjahren das Land verlassen haben. Ihre Erfahrungen waren, dass sie alle eine solide Basis in ihrem Heimatland erlernt hatten und dass die neue Umgebung es ihnen ermöglichte, ihren eigenen Weg zu gehen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und so die Verantwortung für ihre zukünftige Entwicklung und Karriere zu übernehmen.


Im Training mit Flavien Coton. Foto: compass

Gilt das auch für Bogdan Pugna als Trainer?

„Ja, ich würde sagen, es ist vergleichbar. Ich hatte ein interessantes Angebot, Trainer in einem der olympischen Zentren in Rumänien zu werden, aber ich zog es vor, in Frankreich zu bleiben. Dort habe ich in Vereinen gearbeitet, fünf Jahre lang in einer der Regionen. Ich habe mit Spielern unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Niveaus gearbeitet. Schritt für Schritt lernte ich verschiedene Bereiche des Sports kennen und erfuhr, wie das System funktioniert. In der Zwischenzeit hatte ich auch die Möglichkeit, mich über das Ausbildungsprogramm des Verbandes Tischtennis weiterzubilden. 

Alles in allem denke ich, dass meine Erfahrungen aus verschiedenen Ländern und die Arbeit mit Spielern, die in unterschiedlichen Tischtenniskulturen aufgewachsen sind, es mir ermöglichen, mich schnell anzupassen. Ich kann den Spieler lesen und erkenne schnell die technischen Informationen, die ich brauche, um einen Beitrag zur Entwicklung zu leisten.“


Eine Frage des Timings

Bogdan Pugna versucht, das Beste aus den drei Tischtennis-Kulturen, in denen er gelebt und gearbeitet hat, zu vereinen: die ernste, geradlinige Leistungseinstellung der Rumänen mit dem energiegeladenen französischen Gefühl der Freude und des Vergnügens – und dem strengen Respekt und der Disziplin der Deutschen. Für ihn ist es eine Frage des Timings, des Verstehens, wann was zu tun ist. Wann man die Fäden enger zieht und wann man loslässt. Wann man fordernd ist und wann man sich einen Scherz erlaubt. Wann man beschützt und wann man herausfordert. Wann man spielen kann und wann man streng sein soll.

„Mein Ziel ist es, dass der Spieler, mit dem ich arbeite, das Gefühl hat, dass er sich verbessert. Und dass er sich in seinem Projekt wohlfühlt.“ 


Sie haben in diesem Herbst die Europe Youth Top 10 besucht und auch die Jugendweltmeisterschaften im Dezember 2021. Was waren Ihre Eindrücke?

„Dass wir einige talentierte und motivierte Spieler in Europa haben. Aber auch, dass wir sie mit begrenztem Blick betrachten und sie zu kurzsichtig entwickeln. Wir legen zu viel Wert auf das Ergebnis in den aktuellen Wettbewerben. Wir wollen alles sofort – anstatt uns darauf zu konzentrieren, wie wir die Spieler auf eine optimale langfristige Entwicklung vorbereiten. Wir müssen eine Strategie ausarbeiten, die auf Kontinuität und Geduld beruht.


China und Japan dominierten die WM und holten 110 von 119 Goldmedaillen bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2003-2019. Wie sollen Europa und der Rest der Welt in Zukunft mit Japan und China, aber auch mit Korea, mithalten können?

„Erstens müssen wir, um die Asiaten herauszufordern, von ganzem Herzen daran glauben, dass es möglich ist.

Zweitens haben China, Japan und Korea ihre jeweiligen Spielsysteme, und ich glaube nicht, dass wir sie dort schlagen können, wo sie gut sind. Vor allem glaube ich, dass wir uns körperlich sehr steigern müssen. Und am Tisch müssen wir unseren Talenten beibringen, wie sie den Ball, die Schläge, Spin, Tempo und Platzierung variieren können. Wir müssen die Asiaten angreifen, indem wir starke, schnelle und sichere Spieler aufbauen, die viel Kreativität in ihr Spiel einbringen. Wir müssen erforschen, wie wir dies auf eine gute Art und Weise tun können, und jeden Tag hart an dem arbeiten, was nötig ist, um die Allerbesten zu werden. Wir sollten Innovatoren entwickeln!“


Bogdan Pugna und Flavien Coton im Sparkassen TT-Leistungszentrum in Ochsenhausen. Foto: Privat

Du bist ein wichtiger Teil des Teams um Flavien Coton, der zwei Jahre jünger als seine Gegner war, als er im letzten Sommer zwei Goldmedaillen bei den Jugend-Europameisterschaften gewonnen hat. Wie ist im Moment sein Umfeld bzw. seine Trainingssituation?

„Flavien trainiert etwa 20 Stunden pro Woche in einer Gruppe mit etwa 18 anderen Spielern im Regionalzentrum von Hauts de France. Alice Joneau ist dort sowohl für das Zentrum als auch für Flavien selbst zuständig. Sein drei Jahre älterer Bruder Adrien trainiert ebenfalls in dem Zentrum und spielt mit ihm zusammen für den Verein Bruille in der dritten französischen Liga, einer halbprofessionellen Liga. Ihr Vater Xavier ist Trainer der Mannschaft. Sowohl er als auch seine Mutter Carole haben selbst auf Wettkampfebene gespielt, und die ganze Familie hat eine große Leidenschaft für Tischtennis. Das Umfeld ist engagiert, aber ohne Druck, es ist ruhig, aber nicht anstrengend, es macht viel Freude und ist trotzdem ernst. Perfekt für Flavien, würde ich sagen. 
Er hat auch die volle Unterstützung der compass Stiftung, seines Sponsors DONIC und des französischen Verbandes, um sich seine Träume zu erfüllen.“


Beschreibe bitte die Arbeit, die du und das Team leisten, um Flavien weiterzuentwickeln und sein Potenzial langfristig auszuschöpfen.

„Flavien kommt regelmäßig für unterschiedlich lange Trainingphasen nach Ochsenhausen. Wir stehen in engem Kontakt zu Alice Joneau, so dass wir nach einem gemeinsamen Plan arbeiten. Flavien begann mit 11 Jahren Ochsenhausen als zweiten Stützpunkt zu nutzen. Er kommt hierher, um Training auf höchstem Niveau hautnah zu erleben, um Schritt für Schritt und in seinem eigenen Tempo zu verstehen, was nötig ist, um in unserem Sport Spitzenleistungen zu erzielen.Wir arbeiten mit verschiedenen Experten an seiner Fitness, vor allem mit Mika Simon, damit Flavien mit hohen Belastungen durch Training oder Matches umgehen kann, ohne sich zu verletzen. Am Tisch versuchen wir, Harmonie in sein Spiel zu bringen, d.h. eine Technik, die ihm hilft, entspannt zu spielen und frei in seiner Suche nach seinem eigenen Spielsystem zu sein – sozusagen eine Brücke zu schaffen, ohne Widerstand zwischen seinem Gehirn und seinem Körper.“ 


Was ist im Moment das Wichtigste für den Prozess?

„Jetzt beginnt eine Phase, in der es für ihn wichtig ist, Wettkämpfe zu spielen. Er muss seine Grenzen austesten. Spieler in seinem Alter haben aufgrund der Pandemie nicht mehr so oft die Gelegenheit gehabt in den letzten 2 Jahren Turniere zu spielen. Außerdem braucht er eine dynamische Kontinuität zwischen dem Training und den sehr wertvollen Informationen aus den Spielen bei Turnieren.“

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