T. Harimoto: Tischtennis kennt kein Alter

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

„Ich spiele nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich spiele, um Titel zu gewinnen.“
Der Japaner Tomokazu ’Tomo’ Harimoto ist der jüngste World Tour Grand Finals Gewinner, der jüngste Jugendweltmeister, der jüngste U-21 Gewinner bei einem Pro-Tour-Wettbewerb und der jüngste Viertelfinalist bei einer Senioren Weltmeisterschaft in der Geschichte des Tischtennissports. Um den Rummel, den solche Rekorde mit sich bringen, kümmert er sich nicht.

Tomokazu Harimoto. Foto: ITTF

Wir sitzen in einem Hotel in Malaysia, nahe der Grenze zu Singapur und unterhalten uns mit Hilfe eines Dolmetschers. Es ist Premiere Tag der neuen T2-League, und Tomokazu hat gerade seinen 14. Geburtstag gefeiert. Den Nachmittag hat er mit einer Niederlage in der Mannschaft mit dem Namen „JJ“ begonnen, der Mannschaft Jiang Jialiangs, dem zweifachen Weltmeister in den achtziger Jahren und heute Mannschaftsführer für das JJ-Team. Seine Mannschaft besteht aus sechs Spielern, zu denen auch Harimoto gehört. 

Unglaubliches Niveau
Eigentlich sollte es nicht möglich sein, auf dem Niveau von ’Tomo’ zu spielen, wenn man gerade erst 14 geworden ist. Wie hat eigentlich der Weg dorthin ausgesehen? „Meine erste Erinnerung an Tischtennis ist, dass ich mit einem Schläger in der Hand auf einem hohen Stuhl an einem TT-Tisch sitze. Da war ich zwischen zwei bis drei Jahre alt.“

Entwicklung. Fotos: ITTF

Als ’Tomo’ vier, fünf Jahre alt war, spielte er ungefähr eine Stunde am Tag – ab sechs mehr und anschließend noch mehr. Das Ergebnis war, dass Harimoto Resultate erzielte, die noch keiner vor ihm erreicht hatte und keiner für möglich hielt. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich ihn sah. Das war 2015 in Schweden. Da war er elf Jahre alt und im Herreneinzel warf er einen Top100-Spieler nach dem anderen aus dem Turnier, bis er im Finale gestoppt wurde. Dass ein Elfjähriger das schaffen konnte, war schwer zu verstehen und sollte eigentlich nicht möglich sein. Ich musste in meinen Arm kneifen, um sicher sein zu können, dass ich nicht träumte.

Um den Rummel um ihn kümmert er sich nicht. Foto: ITTF

Schlug Mitzutani bei der WM
Harimoto selbst scheint seine aufsehenerweckenden Siege nicht für bemerkenswert zu halten. Aber er war schon erstaunt darüber, dass er bei der WM in Düsseldorf 2017 gegen Mizutani, seinen Landsmann und Vorbild, gewinnen konnte. „Nach Korea Open im April vor zwei Jahren war ich ziemlich frustriert“, erzählt er. „Da verlor ich schon in der Qualifikation. Danach trainierte ich härter als sonst, um für die WM in Düsseldorf in Bestform zu sein. Ich trainierte besonders intensiv Aufschläge und meine Vorhand-Topspins, um härter ziehen zu können. Ich bin habe ja noch nicht genügend Kraft. Ich trainierte auch, sicherer bei der Platzierung des Balles auf verschiedene Stellen des Tisches zu werden.“ Und – Schwups – deklassiert er den zu diesem Zeitpunkt besten Nicht-Chinesen der Welt. „Ich spielte aggressiv und Jun wurde ein wenig nervös.“

Eine der besten Rückhände der Welt. Foto: ITTF

Medaille im Visier
Nach dem sensationellen Sieg gegen Mitzutani gewann ’Tomo’ klar gegen Liao aus Taipei und gegen den Slowaken Pistej, bevor er gegen den Dritten der Weltrangliste, Xu Xin aus China, im Viertelfinale mit 1-4 verlor.„Xu Xin war sehr stark in den spielentscheidenden Situationen.“ Harimoto hatte in Düsseldorf seine Hausaufgaben dabei, aber die Bücher blieben liegen. Weil er so lange im Turnier blieb, war keine Zeit zum Lernen. Das Interesse der Presse daran, wie es sich anfühlt, der Jüngste zu sein, der ein Viertelfinale im Einzel bei einer WM erreicht hat, war nicht ’Tomos’ Interesse: „Ich wollte einfach eine Medaille gewinnen.“

Aufschlagtraining morgens um sechs
„Wie sieht denn ein normaler Tag für dich aus?“, fragte ich ihn. „Ich stehe um sechs Uhr auf. Vor dem Frühstück trainiere ich eine halbe Stunde Aufschläge. Nach dem Frühstück gehe ich zur Schule und nach der Schule trainiere ich drei bis vier Stunden.“ So ungefähr sieht es zwei Wochen im Monats aus. Die übrige Zeit ist Japans Supertalent im Trainingslager mit der Nationalmannschaft im Trainingszentrum in Tokio – oder er ist unterwegs und spielt internationale Meisterschaften. Wie auch immer, es bedeutet, dass es den ganzen Tag um Tischtennis geht, sechs bis acht Stunden pro Tag. 

Bis jetzt haben ihn hauptsächlich sein Vater und seine Mutter trainiert. Beide Eltern spielten in China auf hohem Niveau. Sein Vater in einer Provinzmannschaft, seine Mutter in der Nationalmannschaft, unter anderem bei der WM 1995. Nach einem Jahr als Profis in Italien gingen sie zurück nach Japan, um als Tischtennistrainer zu arbeiten. 2013 erhielten sie die japanische Staatsbürgerschaft. „Sie haben immer schon mit mir gespielt – vor allem mein Vater. Er sagt mir stets, was ich tun muss, um Fehler zu vermeiden. Er weiß viel über Tischtennis.“

Umzug nach Tokio
Mit dreizehn Jahren verließ Tomokazu seine Heimatstadt Sendai, um in die Hauptstadt Tokyo, 300 km weiter südlich, zu ziehen, wo das Japanische Olympische Komitee eine Akademie für junge Sporttalente betreibt. Seitdem er Mitglied der Nationalmannschaft ist, trainiert Harimoto im nationalen Sportzentrum in Tokyo. Er lebt alleine.

Von all seinen erstaunlichen Ergebnissen, die er bereits erzielt hat, hebt er zwei hervor, die besonders wichtig für seine Entwicklung waren.
„1. Der Sieg bei der Junioren WM in Südafrika 2016, als ich im Finale gegen den Koreaner Cho Seungmin mit 4-3 gewann. 
2. Der Titel bei den U-21 bei Japan Open 2016. Es war wichtig für mich, richtige Titel zu gewinnen. Das stärkte meinen Glauben an mich selbst. Nachdem ich sie gewonnen hatte, begann ich zu verstehen, dass ich auch gegen die allerbesten eine Chance haben könnte.“

Ich frage ihn: „Obwohl du da erst dreizehn Jahre alt warst?“ Tomokazu nickt. „Für mich kennt Tischtennis kein Alter.“

Fußnote: Nach dem Interview gewann Harimoto unter anderem die Czech Open 2017 (gegen Timo Boll im Finale) und die Japan Open 2018. Er hat Fan Zhendong beim Asian Cup besiegt und Ma Long und Zhang Jike bei den Japan Open besiegt. Am 16. Dezember 2018, 15 Jahre alt, wurde er der jüngste Gewinner des World Tour Grand Finals, im Finale bezwang er Lin Gaoyuan aus China mit 4: 1. Beim World Cup 2019 schlug er Ma Long im Halbfinale, erst Fan Zhendong konnte Harimoto im Endspiel stoppen.

Profil Tomokazu Harimoto

Geboren: 27. Juni 2003 in Sendai, eine Millionenstadt mitten in Japan
Wohnort: Tokio
Fing an, Tischtennis zu spielen: mit zwei bis drei Jahren
Vorbild: Fan Zhendong, wegen seiner fantastischen Rückhand, aber die Vorhand ist auch perfekt
Hobby: Baseball Fan – liest und schaut sich so viel wie möglich an, Lieblingsmannschaft Tohoku Golden Eagles.
Beste Leistungen: Jugendweltmeister 2016, U21-Gewinner Japan Open 2016, Viertelfinale Senioren-WM 2017, ITTF World Tour Sieger Czech Open 2017 und Japan Open 2018, Sieger des ITTF World Tour Grand Finals 2018, Silber beim World Cup 2019.
Entwicklung in der Weltrangliste (zu Ende jeden Jahres): 2014 – Nr. 364, 2015 – 223, 2016 – 77, 2017 – 17, 2018 – 5, 2019 – 5.

Jens Fellke/compass
Übersetzung: Jochen Leiss

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