Reisebrief aus Japan, Teil 3 – National Training Center II

Evelyn SimonEntwicklung, TrainingszentrumLeave a Comment

National Training Center, Tokyo, Japan. Foto: privat

An diesem Tag konnte Annett nicht anders, als mit sich und der Welt unzufrieden zu sein. Das Resultat war, dass ich ihr Training unterbrechen musste, aber auch, dass es bei den Kindern negativ ankam. Annett schaffte es aber, die Kurve zu bekommen und damit hat sie wirklich an diesem Tag das Wichtigste erreicht. 

Mit dem zuständigen Trainer sprach ich darüber, dass die Japaner ihre Unzufriedenheit niemals äußerlich zeigen würden, weil in Japan 34 Millionen Menschen seriös Tischtennis spielen würden, und er meinte wörtlich „keine Amateure seien“. Diese Aussage war nicht auf Annett bezogen, sondern allgemein. Es ist in der Tat nicht mit Deutschland/Europa vergleichbar. Ohne diese Seriosität im Training/Wettkampf wäre keine der anwesenden Spielerinnen dort wo sie jetzt stünden. Sie würden die Auswahlwettkämpfe gar nicht überstehen. Es sei einfach normal. Sie würden ab dem 4. Lebensjahr jeden Tag seriös trainieren. Es gab bei diesem Lehrgang nicht die wahnsinnig talentierten Spielerinnen, mit der besonderen Hand, aber eine Menge von willigen, eisern trainierenden Kindern, auch die Kleinsten. 

Welten dazwischen
Mein Gedanke ist, dass es keinen Wert hat sich/Deutschland damit zu vergleichen, oder sich zu wünschen, dass Annett mit noch mehr Seriosität trainiert. Sie gibt ihr Bestes und eigentlich noch mehr als das. Wir können nur besser werden, wenn wir unseren eigenen Weg gemeinsam mit unseren Spielern gehen und besonders dann, wenn wir diese da abholen, wo sie menschlich und mental stehen. Wenn ich Annett von vor einem Jahr mit der von heute vergleiche, liegen Welten dazwischen was Einstellung und Leistungsbereitschaft angeht, Welten. 

Dem Trainer am NTC ging es ähnlich. Er sei eigentlich der Privattrainer von Sora Matsushima und mache diese Tätigkeit als „Volontier“, so hat er mir es gesagt. Wenn du Privattrainer bist, musst du unglaublich akribisch, seriös arbeiten, weil du ja von Eltern/Unternehmen bezahlst wirst. Die Trainerin von Miwa Harimoto verhielt sich sehr zurückhaltend als der Vater da war bzw. war sie sehr ungehalten, ja wütend auf das Mädchen, als sie gegen eine 16 jährige gute Japanerin im Trainingswettkampf verlor. Wollen wir das? 
Mein Fazit ist, kopieren macht keinen Sinn. Aber den Horizont erweitern in allen Belangen und die Kinder da abholen wo sie eben sind: technisch, taktisch, menschlich und mental. Was vielleicht ab und zu für mich/uns bedeutet, dass wir uns ändern/den Kindern anpassen, damit sie das Beste daraus ziehen können, was gerade in diesem Moment möglich ist. 

„Annetts Mut, Einsatz und Wille war unbeschreiblich. Spass hat sie auch gehabt!“ Foto: privat

Nach Tief, kam Hoch
Nach dem gestrigem Tief, kam das heutige Hoch. Dieser Trainingstag war einfach nur „Weltklasse“. Die Übungen, die gespielt werden sind immer die Gleichen. Übung 3 war: Kurzer Aufschlag (KA) -Schupf in Mitte, Topspin in Rückhand (RH), Block eine Ecke, dann andere Ecke usw.
Übung 4, Schupf ganzer Tisch, Block ganzer Tisch.
Aber um die Wahl der Übung ging es mir gar nicht, sondern darum, wie Annett an diesem Nachmittag die Halle am Balleimer abgebrannt hat. Tiefer stehend als je zuvor, hat sie mit Vorhand (VH) aus Vorhand gegen Variable Topspingegen gezogen und auch dann gegen geschossen. Dies alles mit optimalem Körpereinsatz. Mit Rückhand (RH) das gleiche, natürlich noch gegen weniger Spin.Nachmittags machte ich nach den zwei Runden Wettkampf mit Annett selber Balleimer, und wir arbeiteten sehr intensiv inhaltlich. Ihr müsst euch überlegen, wir waren bereits fast zwei Wochen dort, und in der ersten Woche hat sie vier Einheiten á 4 3/4 Stunden gehabt. In den letzten Tagen hier trainierte sie 2 x 4 Stunden am Stück. Das war unglaublich. An diesem Tag meinte sie zur mir, sie hätte nie gedacht, dass sie das kann, aber jetzt weiß sie es. 

Bye bye Tokyo. Viel gelernt. Bis zum nächsten Mal! Foto: privat

Eine mentale Kraft zu entwickeln
Wir werden die Asiaten nicht in Punkto Quantität im Training über die Jahre schlagen, aber als Europäer sind wir „freie“ Menschen, nicht gebunden, nicht eingeengt durch Traditionen, dadurch auch nicht unsicher, weil wir nicht passen müssen, sondern könnten, wenn wir es dann hoffentlich mal hinbekommen, viel selbstbewusster/individueller, mit viel mehr Selbstvertrauen an die Sachen/Wettkämpfe gehen. Unsere Kinder treiben nicht diesen tollen Sport, weil sie Teil einer Tradition sein wollen, sondern weil SIE es wollen. Das ist unsere größte Chance, eine mentale Kraft zu entwickeln, die uns unbesiegbar macht. Bitte denkt daran, ich schreibe gerade philosophisch.

Abschließend bin ich sehr dankbar, dass ich diese Tradition kennenlernen durfte, es war sehr beeindruckend. Aber in erster Linie möchte ich meinen imaginären Hut vor Annett ziehen. Ihr Mut, Einsatz und Wille war unbeschreiblich. Ab heut lautet unser Motto: Ich kann das, aber noch nicht immer.  

Evelyn Simon
compass Coach

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