Reisebrief aus Japan, Teil 2 – National Training Center I

Evelyn SimonEntwicklung, TrainingszentrumLeave a Comment

Annett und Evelyn in Tokyo. Foto: privat

Hagibis – der Taifun, der über Japan herzog und über 60 Menschenleben kostete, hinderte uns daran, am Wochenende zu trainieren. Wir hatten eine offizielle Warnung der  japanischen Regierung erhalten – das Hotel am Samstag/Sonntag zu verlassen, war nicht aktuell. Und der Montag war ein Reisetag, also 3 Tage kein Tischtennis, dafür viel ausruhen, shoppen und der Gleichen.

Das NTC, das Nationale Trainingscenter, ist einfach der Wahnsinn. Ein Gebäude vom Feinsten. Wunderschöne, große Zimmer, hervorragendes Essen, die 5. Etage fast allein (ich glaube noch Schießen) für Tischtennis. Ein moderner Kraftraum, alles was das Herz des Sports begehrt. 
Nach dem Frühstück sind Annett und ich alleine in die Halle gegangen (1,5 Stunden Training, inklusive Aufschläge), Anreise war erst 13.30 Uhr für die Japanerinnen, und danach hatten diese Besprechung und bis 15.40 Uhr Mentaltraining.
Um 16 Uhr hat dann das Training begonnen. Aufwärmen war eher mal Chaos, zumal auch immer mal wieder verspätet Spielerinnen kamen. Gehe davon aus, dass diese entweder wegen Schule oder vielleicht auch wegen Mentaltraining später kamen.

Aber jetzt erstmal zur unserer Gruppe: vom Alter her war es eine sehr heterogene Gruppe, 18 Jährige, 15 Jährige, aber auch 12 Jährige, mitunter auch Miwa Harimoto. Annett kannte einige, aber nicht alle. Das Niveau war gut, aber nicht überragend. Trainingspartner waren einige dabei, männliche. Es waren es ungefähr 14 Mädchen, aber auch mindestens 5-6 Trainer. Der Cheftrainer war ein sehr ruhiger, entspannter Typ, der null autoritär wirkte (im Verhältnis zu den Trainern an der High School). Auch die Kinder waren entspannter, selbstbewusster, offener, aber wesentlich zielstrebiger. Die Übungen, die der Trainer spielen ließ, waren ständig so, dass beide Seiten Kick-aktiv gespielt haben, auch wenn vielleicht die eine Seite zog, die andere kickte oder zog gegen, alles natürlich Tischnah.

Unterschiedliche Spielsysteme
Aber das Interessanteste war, dass es extrem viele unterschiedliche Spielsysteme gab. Kurze Noppe VH, gepaart mit halblang RH (nach Ai Fukuhara), Abwehr halblange Noppe RH (12 und vielleicht 14, und 15 Jahre), dann eine junge 2007erin die eine Swordfish Schlägerhaltung (siehe Fotos) hatte. Dieses Mädchen spielte so, dann aber auch mal Shakehand, aber auch Abwehr, also alles durcheinander. 
Fast alle Noppen-Namen, die hier gespielt wurden, sind von Victas. Eine Butterfly Noppe habe ich auch gesehen. 

Der Cheftrainer gab zwar Übungen vor, kümmerte sich aber meistens nur um einzelne Spielerinnen. Die Trainer, die für die anderen Mädchen zuständig waren, kümmerten sich um ihre Spielerinnen. Aber dennoch ist es ein Miteinander, und der Trainer wirkt hier nicht wie ein „Gott“ oder das „Wichtigste“ (alles im Vergleich zur High School). Trainingspartner rundeten die Gruppe ab, dennoch, an diesem Tag kamen erst einmal alle an. 

Miwa Harimoto mit ihrem Personal Coach Sun Xue. Foto: Jens Fellke/compass

Annett spielte am nächsten Morgen drei Übungen mit Miwa Harimoto: 
1) Aktiv Spieler spielt diagonal, passiv Spieler wechselt über die parallele, aber eigentlich beide Seiten ständig aktiv.
2) Topspin Spieler bekommt alle Bälle in RH, RH wird in RH gespielt und VH in VH, kann immer selber entscheiden, aber eigentlich spielen beide Seiten ständig aktiv. Diese Form von Regelmäßigkeit, wenn beide Seiten aktiv spielen, fand ich gut, zumindest auf diesem Niveau, weil dort ständig mit Tempi und Längen variiert wurden. 
3) Aufschlag, Schupf lang in selbst gewählte Seite, Block ganzer Tisch. 
Danach individuelle A/R Inhalte.

Nachmittags, zwei Runden Wettkampf á 25 Minuten.
Annett war abwesend/Halsschmerzen/Allergie – gegen Harimoto 0:4,
Annett gegen Abwehr (14 Jahre) 0:2 gestartet, dann 2:3, es wurde inhaltlich besser, aber hin oder her, der Wettkampf war heute nix für sie.
Danach Balleimer, vor- und zurück mit der Privattrainerin von Harimoto.
Annett hat alles gegeben und inhaltlich wieder enorm zugelegt im Verhältnis zum Wettkampf. 

Flexibilität
Wenn die Spielerinnen bereits mal japanische Meister waren, dürfen sie ihren Privattrainer mit zu Internationalen Turnieren und Lehrgängen nehmen. Es soll aber auch Ausnahmen geben, also keine festen Regeln. Außer dem Cheftrainer haben alle Mädchen einen persönlichen Coach, bei den Jungs ist dies ein wenig anders, aber auch nicht immer. Na ja, so die Aussagen der unterschiedlichen Trainer. Von daher funktioniert alles ziemlich individuell.

Dennoch eins ist eindeutig: die Besten trainieren immer mit den noch Besseren. Was bedeutet, dass die besten Mädchen mit den Damen, Miwa Harimoto mit den Jugendlichen trainiert. An diesem Tag kam eine Spezialistin für Abwehr, wohl eine sehr anerkannte japanische EX-Spielerin. Der erste vollständige Trainingstag war sehr anstrengend. Zweimal 4 Stunden am Tag Training schlauchte nicht nur Annett, sondern auch mich. 

Abendessen. Gespräche über Tischtennis entstanden einfach – ohne Zeitdruck. Foto: privat

Nachtrag: beim Abendessen konnten wir uns ausgiebig über Tischtennis, ihre Leistung beim Training und Trainingswettkampf unterhalten. Bemerkenswert – und auch ein riesiger Fortschritt – wie sie sich jetzt selbst einschätzen kann. Wo es technisch, taktisch hapert, wie sie über Trainingswettkämpfe denkt. Es war gut, so viel Zeit abseits vom Tisch miteinander zu verbringen. Gespräche über Tischtennis endstanden einfach – wie an diesem Abend – ohne Zeitdruck.

Evelyn Simon
compass Coach

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