Reisebrief aus Japan, Teil 1 – Hayato High School

Evelyn SimonEntwicklung, TrainingszentrumLeave a Comment

Was machen die in den letzten Jahren so erfolgreichen Japaner, vor allem im weiblichen Bereich, besser als die Europäer? Was können wir von ihnen lernen? Welche Bedeutung haben die Kulturunterschiede, kommen wir mit ihnen klar? Annett Kaufmann und Evelyn Simon waren zu einem zweiwöchigen Aufenthalt nach Japan eingeladen, der gespickt war mit neuen Erfahrungen. Und nicht zuletzt erlebten sie hautnah den stärksten Taifun der letzten Jahrzehnte, dem Japan ausgesetzt war, und bei dem 69 Menschen ums Leben kamen. Evelyn berichtet in drei Teilen.

Nach einem langen Flug landeten Annett und ich um 12 Uhr mittags in Tokyo. Wir sind zuerst mit dem Bus gefahren, und bekamen dann den Hauch einer Ahnung, wie wir hier zukünftig die U-Bahn/Zug- und Busverkehr nutzen sollten. Man geht immer links und nicht rechts, auch neu. Am Haupteingang der Schule wurden wir abgeholt. Die Trainingshalle befindet sich an einer gewöhnlichen High-School. Die Kinder gehen dort bis 16 Uhr zur Schule, haben dann bis 19.45 Uhr Training und fahren danach – in Schuluniform – wieder nach Hause, ein langer Tag, und das 5 Tage die Woche.

Neben Tischtennis gibt es an der Hayato High-School, Tennis, Short-Track und Baseball. Wir sind einmal um das ganze Schulgelände herum und an allen Sportstätten vorbei gegangen, beeindruckend. In der Halle zogen wir unsere Schuhe aus, stellten sie säuberlich in eine Reihe und betraten die Halle. Alle Spielerinnen (keine Jungs) hörten auf zu spielen und begrüßten uns. Annett wärmte sich kurz auf, und konnte sich dann einspielen.

Erstaunlicherweise werden ständig Laute, Rufe beim Training geäußert, die einer anfängt, andere vervollständigen, ich bin noch nicht dahinter gekommen, was diese bedeuten. Ständig schwingen solche Rufe durch die Halle. Hat für mich aber, wenn ich diese Laute Vergleiche mit den Lauten, die junge Japanerin bei Wettkämpfen äußern, etwas mit Routine entwickeln beim Tischtennis zu tun, aber vielleicht erfahre ich hierzu noch mehr. 

Disziplin

Vor jeder Übung stellen die Japanerinnen sich immer in einer Reihe vor den Trainern auf, es wird sich wieder begrüßt/bedankt und Partner werden festgelegt oder die Spieler gucken in die Reihen, und wenn jemand auch guckt spielen diese gemeinsam, beide nicken, und verlassen die Reihe. 

Aufstellung in einer Reihe! Foto: privat

Die erste Übung lief 20 Minuten und durfte von den Spielern selbst gewählt werden. Danach haben sie Matches gespielt, wobei Annett aufgrund Schlafmangels nicht wirklich im Stande war zu spielen. 

Nach dem Training wurde sich ausgiebig gedehnt, und danach fein säuberlich die Halle aufgeräumt. Alles wurde an seinen Platz gebracht, Tische, Netze, Stühle, große Ballnetze, Ball-Sammel-Netze, Tee und Wasserspender, das Bad wurde gereinigt, der Boden wurde gewischt. Erstaunlich. 

Die Mädchen gingen sich duschen und kamen danach alle in Schuluniform zurück. Wir fuhren mit allen im Bus, auch die Baseball Spieler, nur Schulkinder saßen drinnen. Da wir aufgrund der Zeitumstellung noch sehr müde waren, nahmen wir einfach das am europäischsten aussehende Restaurant. Annett aß Pizza, ich ein japanisches Nudelgericht. Am Ende waren wir froh, dass wir ins Bett durften.

Im Gegensatz zum ersten Tag, konnten wir am zweiten Tag pünktlich um 15.00 Uhr das Training an der Hayato High-School beginnen. Es begann mit einem Einschwörungsritual, bei dem sich die Mädchen in einen Kreis stellten, sich die Hände gaben, eine vorsprach und die anderen dann vervollständigten.
Ein Mädchen übernahm dann das Aufwärmen. Am Anfang stand Mobilisation, wobei hier ein Sprech-/Singsang Rhythmus vorgegeben wurde. Offensichtlich war, dass hier immer der gesamte Körper beteiligt war. Danach kam eine Lauffrequenz von 20 Runden schnell rennen. Nach diesen 20 schnellen Runden, kamen individuelle Sprung-/ Stabilitätsübungen, zu denen sich die Mädchen in Kleingruppen zusammentaten. Es war immer ein Miteinander, zumal auch gemeinsam gezählt wurde.
Mitten in der Halle stand ein ganz alter, großer Timer, der von den Spielerinnen auf Anweisung des Trainers betätigt wurde. Einspielen ging 20 Minuten, inklusive Schupfen, Rückhand (RH) parallel und wie wir es sonst auch kennen. Dann die Übungen:

1. 1-4 Bälle Vorhand Topspin (VHT) aus Rückhandseite (RH Seite), dann der andere (7,10 Minuten).
2- Kleine 8 über Vorhand (VH) und Mitte wobei beide Seiten VHT spielen. (7,10 Minuten)
3. Gegenseitiges Balleimereinspiel, 4×60 Bälle: VHT aus VH und RH.
4. Freie Zeit (vielleicht 7 Minuten) für Aufschläge etc. 
5. Beide Seiten spielen gleichzeitig Falkenberg (Kick), 7,10 Minuten.
6. Kurz-kurz, aber es ging nicht um die Qualität des Balles, sondern dass die Spielerinnen viel, viel weiter als normal vom Tisch weg kommen, ca 1,5 Meter.
7. Kurz-kurz, dann Flip frei (nach je einem Aufschlag wurde gewechselt) 4 Minuten.
PAUSE (10 Minuten)
8. Schupf ganzer Tisch (5 Minuten)

Singsang
Ich hatte ja bereits erwähnt, dass diese Laute bzw. Sprech-/Singsang durch die ganze Gruppe schwappten, auch an diesem Tag war es so, und ich erfuhr, was die Worte bedeuteten. Immer wieder fing eine an „Sa“ zu sprechen/singen, was wiederum „auf/ auf geht´s“ bedeutet und die anderen dann mit „hei“ („ja“) antworteten. Ich habe mir überlegt, warum sie dies tun und meine Vermutung ist, dass dies der Motivation und Einstimmung dient, aber auch ein Gefühl der Geschlossenheit und des Zusammensein transportiert, vielleicht sogar aufgrund der Autorität des Trainers, aber dies ist wirklich nur Spekulation.

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9. Schupfen ganzer Tisch (7 Minuten), jede Seite 4 Minuten und selbst entscheiden auf welchen Ball VH Angriff gespielt wird, danach frei.
10. VHT aus VH und Mitte, dann unregelmäßiger Wechsel in RH usw. nach 4 Minuten das gleiche beginnend in RH und unregelmäßiger Wechsel in VH usw. 

Da ich die ganze Zeit das Training und die Anstrengungen der Mädchen verfolgen konnte, merkte ich, dass nicht jede 100% Einsatz zeigte. Manche ließen die Übungen über sich ergehen, manche waren mit vollem Einsatz dabei. Es war unterschiedlich und ich überlegte mir, wie steht hier die Tradition zur Individualität jedes Einzelnen? Ich fragte den Trainer wer hier Nationalspielerin sei, er meinte keine. Die ältesten Mädchen gehen nächsten Sommer zur Universität und werden da weiter Tischtennis spielen. 
Ich bin gespannt, wie dann der Lehrgang bei der Nationalmannschaft sein wird, ob da die Mädchen kommen, die aus individueller Förderung kommen und dann in der Trainingsgestaltung und im Umgang mit Trainern auf die alte Tradition treffen? 

Aber wieder zurück zum Training:
11. Many balls, jede Seite 7 Minuten kurz 1/2 RH dann VHT auf Unterschnitt ganzer Tisch.
12. 3/4 Tisch VHT (8 Min).
Pause (10 Minuten).
Ab 18.15 Uhr 4 Matches á 23 Minuten.

Evelyn Simon und Annett Kaufmann beim Training in der Hayato High School. Foto: privat

Für Annett war an diesem Tag das einzige Ziel durchzuhalten und zu merken, dass sie das schaffen kann. Sie hat es wirklich erstaunlich gut hinbekommen. Natürlich fällt es einem Trainer wie mir dann schwer, keine inhaltlichen Korrekturen zu geben, aber dies hätte Annetts Kapazitäten während des Trainings gesprengt. Nach dem Training haben wir uns über genau dieses Thema unterhalten und sie stimmte mir zu, genauso wie wir dann Zeit hatten, auch ein wenig inhaltlich zu reden. 
Auf meine Nachfrage hin, ob die Übungen sich ändern würden, bekam ich die Antwort: nein. Sie trainieren die ganzen Jahre auf der High-School die gleichen Übungen. Sie decken aber alle Dinge ab, die ein Tischtennisspieler benötigt. Auch hier sind eindeutig Unterschiede zu sehen. Manche trainieren gewissenhaft, manche nicht. Korrekturen vom Trainer am Spieler habe ich an den drei Tagen nur ein einziges Mal gesehen, bei den täglichen 5×60 VHT aus VH und RH. Ansonsten sitzen die Trainer auf ihren Stühlen, hinter dem Tisch. Ich denke, dass in folgenden Situationen inhaltliche Anweisungen kamen, aber mir standen die Sprachbarrieren im Weg, um das zu verstehen.

Es wurden täglich drei Wettkämpfe gespielt und die Ergebnisse wurden akribisch notiert. Manchmal spielte der jüngste Trainer mit und dieser gab nach dem Spiel der jeweiligen Spielerin ein kurzes Feedback. Dies zu den Korrekturen. 
Meine Vermutung ist, dass die Wettkämpfe der Leistungsüberprüfung dienen. Anscheinend kommen dann irgendwann Scouts von den Universitäten und wählen die Spielerinnen aus, die zur Universität dürfen, andere nicht. Hier weiß ich wirklich nicht, ob dies stimmt, aber so wurde es mir von einer Spielerin erzählt. Unseren letzten Abend in Yamato verbrachten wir im gleichen Restaurant wie an den Tag zuvor, viel wollten wir nicht, da wir ja mittags reichlich gegessen hatten, aber unsere Stäbchen-Ess-Künste trainierten wir dann doch noch eine Runde. 

Evelyn Simon
compass Coach

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