DISKUSSION: Muss ein Talent schon früh zu den Besten in Europa gehören, um ein Spitzenspieler im Seniorenbereich zu werden?

Jens FellkeAktuellesLeave a Comment

Seit 2005 sind die Euro Mini Champs, EMC, eine Art inoffizielle Europameisterschaft für 10- und 11-jährige Tischtennis-Talente. Im Laufe der Jahre haben auch Spieler aus anderen Kontinenten teilgenommen. Nach zwei Jahren Pause wurde das Turnier Ende August 2022 zum ersten Mal seit 2019 wieder ausgetragen. Die Kategorien wurden im Vergleich zu den Vorjahren ein wenig geändert und umfassen in einer Kategorie die Jahrgänge 2009-10 und in einer anderen die Jahrgänge 2011 und jünger.

Volle Halle bei den Euro Mini Champs 2022, Schiltigheim. Foto: LGETT

Zwei der compass Expertentrainer – Oliver Alke und Bogdan Pugna – waren in Schiltigheim, Straßburg, Frankreich, um sich das Event anzuschauen. Außerdem war Jochen Leiss, ehemaliger General Manager und derzeitiger Vorstandsvorsitzender von compass, anwesend, um die neue Generation europäischer Spieler zu beobachten.

In Schiltigheim bei den Euro Mini Champs. Von links: die compass Experten Coaches Bogdan Pugna und Oliver Alke, sowie der Autor des Artikels Jens Fellke. Foto: Privat

Was waren ihre Eindrücke?

Bogdan Pugna: „Es war ein Wettbewerb, der es den besten jungen Spielern ermöglichte, sich zu präsentieren und sich gegenseitig herauszufordern. Die Teilnahme der jungen Japaner und ihre Siege bei den Jungen 2009 und den Mädchen 2009 erinnern uns an den zukünftigen Wettbewerb mit Asien. 
Das ausrichtende Land, Frankreich, hat einmal mehr seine Fähigkeit bewiesen, eine große Anzahl guter Spieler in diesen Altersklassen auszubilden, und hat vier Medaillen gewonnen. Und Länder mit Tradition im europäischen Tischtennis wie Deutschland (Sieg bei den U11-Jungen), Schweden (Sieg bei den U11-Mädchen) und Rumänien setzen ihre gute Arbeit in diesen Alterskategorien fort. Ein Land, das in meinen Augen mit einer guten Generation von Jungen aufwarten kann, ist Spanien.“


Oliver Alke sah viele Talente, die das Potenzial haben, in Zukunft starke Spieler zu werden. Und war ein wenig überrascht, wie überlegen compass Spielerin Siri Benjegård bei den Mädchen des Jahrgangs 2011 war.
„Auch compass Spielerin Lizett Fazekas aus Ungarn ist ein großes Talent. Sie ist Jahrgang 2013 und hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen.
Aber das Wichtigste ist nicht das Ergebnis. Das Wichtigste sind die Informationen, die Trainer und Spieler aus all den vielen Spielen gegen starke Gegner in den gleichen Altersklassen erhalten. Die Analysen sind entscheidend, um die richtigen Entscheidungen für die zukünftige Entwicklung der Fähigkeiten des Talents zu treffen, auch für die Stiftung compass.“


Jochen Leiss. Foto: Jens Fellke

Enger zusammen

Jochen Leiss meint, Europa rückt enger zusammen, d.h. es gibt mehr Nationen, deren Spieler sich unter den ersten 10 platziert haben. Er war auch beeindruckt von den vier Japanern, die alle im Jahrgang 2009 teilgenommen haben. Platzierung: 1. und 2. Platz bei den Mädchen, 1. Und 6. Platz bei den Jungen.
”Die Gründe? Sie spielen schon jetzt brutaler als die Europäer, was ihnen u.a. ihre Schnelligkeit am Tisch ermöglicht.” Bei den 2009ern sah Leiss das Feld der europäischen Spieler*innen sehr ausgeglichen.

”Es gab im Grunde niemanden, der sich besonders hervorhob. Viele solide Spieler, von denen sich die meisten Jungen schnell vom Tische drängen ließen und aus der Halbdistanz gegenzogen. Zu beachten ist deshalb, dass die aggressiveren, näher am Tisch agierenden Spieler wie der Slowene Pavol Kokavec und die Japaner, die vorderen Plätze belegten.”


Bei den 2011er Mädchen und Jungen fand er zwei überragende Spieler. Siri Benjegård aus Schweden und der Saarbrücker Lukas Wang. 
”Beide kamen nie in die Gefahr, ein Spiel zu verlieren. Siri, die von compass unterstützt wird und unter anderem in Schweden von Ex Junioren-Weltmeister Peter Nilsson trainiert wird, verlor nicht einen Satz während des gesamten Turniers. Lukas war fast allen anderen 2011ern physisch überlegen und besiegte alle aufgrund einer sehr guten RH und eines klugen und sicheren Spiels. Wenn er seine VH-Topspin Technik verbessert, wird er viele Jahre ganz vorn mitspielen können.

In der Weltspitze, von deren Erreichen viele der EMC-Teilnehmer träumen, setzen sich bei den Damen und Herren die aggressiven Spielertypen durch, die auf schnellen Punktgewinn aus sind. Die jüngeren aufstrebenden Spieler wie Möregårdh und A. Lebrun spielen ebenso aggressiv, wobei diese das Spiel mit extra Variation anreichern. Können die jungen EMC-Spieler und ihre Trainer etwas von diesen lernen?”


Ist es wichtig, bei den EMC ganz vorne zu sein, um ein Spitzenspieler bei den Erwachsenen zu werden?

Wie wichtig ist es, bei den Euro Mini Champs unter den Besten zu sein, um als Senior ein Weltstar zu werden? Nun, die EMC begannen 2005 mit Wettbewerben für Mädchen und Jungen der Jahrgänge 1993 und 1994. Wenn man sich die Weltrangliste von dieser Woche (06.09.22) anschaut, sind acht männliche und zwei weibliche Spieler aus Europa unter den Top 30 der Welt, die 1993 und später geboren wurden.

Wie haben diese sich bei den Euro Mini Champs geschlagen, als sie 10-11 Jahre alt waren?

Kann man aus diesem Zusammenhang irgendwelche Schlüsse ziehen?


Zehn Spieler der Jahrgänge 1993 und jünger aktuell unter den Top 30 der Welt

Nachfolgend eine Liste ihrer aktuellen Platzierungen und ihrer Ergebnisse bei den Euro Mini Champs:

NameLandJahrgangWR-Position (06.09.22)EMC Ergebnis
Truls MöregardhSchweden200261, 1
Darko JorgicSlowenien199786, 18
Dang QiuDeutschland19969nicht unter Top 32
Anton KällbergSchweden19971913
Liam PitchfordEngland19932010
Kirill GerasimenkoKasachstan199626nicht unter Top 32
Simon GauzyFrankreich1994271, 2
Alexis LebrunFrankreich2003301, 1
Sofia PolcanovaÖsterreich1994101, 2
Nina MittelhamDeutschland199612nicht unter Top 32

Mit dem Vorbehalt, dass die Statistiken der Euro Mini Champs auf der Website des Veranstalters nicht verraten, ob Dang Qiu, Kirill Gerassimenko und Nina Mittelham an dem Turnier teilgenommen haben oder nicht, können wir für Spieler der Jahrgänge 1993 und jünger, die derzeit zu den 30 besten Spielern der Welt gehören, feststellen:

  • vier der insgesamt zehn Spieler (40%) haben die Euro Mini Champs gewonnen
  • zwei haben zweimal gewonnen, und zwei weitere Gewinner haben auch einmal das Finale erreicht
  • drei von zehn Spielern belegten bestenfalls die Plätze 7 bis 13
  • 70% der Spieler waren bei der EMC mindestens unter den Top 13
  • drei von zehn (30%) waren nicht unter den Top 32
  • wenn man ab 19 Jahren als Erwachsener gilt, d.h. alle die 2003 und früher geboren wurden, so gab es insgesamt elf EMC-Turniere für Spieler, die heute das Erwachsenenalter erreicht haben. Jedes Turnier wurde in vier Kategorien ausgetragen, d.h. es wurden 44 Sieger gekrönt. Sechs von ihnen, vier Jungen und zwei Mädchen, stammten aus nicht-europäischen Ländern. Bleiben 38 Gewinner aus europäischen Ländern. Davon haben zwei das Turnier zweimal gewonnen, so dass insgesamt 36 europäische Spieler die EMC gewonnen haben.

Schlussfolgerungen

  • Die Euro Mini Champs (EMC) sind ein guter Maßstab, um die Zukunftsaussichten junger Spieler zu beurteilen.
  • Vier von zehn EMC-Spielern, die derzeit zu den 30 besten Spielern der Welt gehören, haben das Turnier ein- oder zweimal gewonnen.
  • Sieben von zehn EMC-Spielern, die derzeit zu den 30 besten Spielern der Welt gehören, waren unter den ersten 13 platziert.

Daraus ergibt sich: Wer bei den EMC die Nummer eins oder zumindest unter den 13 Besten seiner Altersklasse war, hat deutlich größere Chancen, unter die Top 30 oder höher zu kommen. Aber das ist kein Muss. Auch Spieler, die nicht unter den besten 32 bei den EMC waren, schaffen es, als Erwachsener unter die besten 30 der Welt oder höher zu kommen. Auch wenn ihre Chancen geringer sind.

Einer von zehn EMC-Siegern aus Europa ist als Erwachsener aktuell unter den Top 30 der Welt. Vier von 36 um genau zu sein – 11%.


Daniel Zwickl. Foto: privat

Klarer Zusammenhang

„Die Euro Mini Champs sind wichtig, denn sie sind der erste europäische Meilenstein für die junge Generation“, sagt compass Managing Director Daniel Zwickl.

„Es besteht eindeutig ein Zusammenhang zwischen den Gewinnern und Medaillengewinnern der EMC und ihren künftigen Karrierewegen, da sie bessere Chancen haben, in die Weltelite aufzusteigen. Tischtennis ist jedoch ein sehr komplexer Sport und nur wenige Spieler haben die Fähigkeit, ein Spitzenniveau zu erreichen. Ergebnisse in jungen Jahren spielen schon eine Rolle, aber es gibt natürlich noch andere wichtige Faktoren, die berücksichtigt werden müssen. Es gibt Spieler wie z.B. Darko Jorgic und Nina Mittelham, die bei den EMC keine Medaillen gewonnen haben, aber dennoch in jungen Jahren als Erwachsenenspieler große Erfolge erzielt haben. Die Entwicklung des Spielers selbst ist also genauso wichtig wie die Ergebnisse in jungen Jahren.“

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