Mit den richtigen Fragen in die Weltspitze

Jens FellkeAktuelles, Portrait, TrainerportraitLeave a Comment


Der Französische Tischtennistrainer Jean-René Mounie mag es nicht zu lehren, aber er ist ein passionierter Ratgeber. ”Wenn ich die richtigen Fragen stelle, wird der Spieler die Antworten finden, die zu seinen individuellen Eigenschaften als Spieler und seinem Spielverständnis passt. Der Versuch diese Erkenntnisse einfach zu unterrichten wäre nicht annähernd so gut.” 

Jean-René Mounie und Hugo Calderano beim Training in Ochsenhausen. Foto: privat

Jean-René Mounie entschied sich mit 14 Jahren, Trainer zu werden und brachte kleinen Kinder Tischtennis spielen bei. Ein paar Jahre später arbeitete er mit allen Alterskategorien für die Südregion Frankreichs. 2001 wurde er Trainer im französischen Topverein Levallois und übernahm gleichzeitig einige Traineraufgaben im Französischen Verband. Danach war er als Nationaltrainer Brasiliens bis zu den Olympischen Spielen in Rio 2016 tätig. 

Seit Beginn des Jahres 2017 konzentriert er sich nur noch auf zwei Spieler ­– Hugo Calderano und Simon Gauzy, mit denen er schon zuvor eng zusammengearbeitet hatte. Hier kooperiert er sehr intensiv mit Michel Blondel, wobei beide durch diese Arbeit stetig und in enger Kommunikation ihr eigenes und außergewöhnliches Konzept des Lehrens und Führens erkunden und weiterentwickeln.

Im November 2017 erreichte Gauzy die Top10 der Weltrangliste, Calderano schaffte das Gleiche neun Monate später. Diese zwei Mounie-Schützlinge sind, zusammen mit dem Schweden Mattias Falck, die einzigen Nicht-Asiaten, die in den letzten sieben Jahren die Top10 erreicht haben.

Jean-Rene, wie waren die letzten zwölf Monate aus Sicht des Tischtennissports?

-Anstrengend, unsicher, aber auch kreativ im Sinne, dass wir gelernt haben, uns an sehr schwierige Umstände anzupassen.

Beim Interview. Foto: Jens Fellke

Du hast Vollzeit mit Simon Gauzy und Hugo Calderano gearbeitet. Wie hat die Pandemie sie betroffen?

-Den Umständen entsprechend ist bei Simon alles Ok. Als Spieler hat er sich erheblich im letzten Jahr weiterentwickelt und ist aktuell besser als damals, als er die Nummer 8 der Weltrangliste war.

– Für Hugo war es eine größere Herausforderung. Er ist es gewohnt, regelmäßig nach Brasilien zu fliegen, aber jetzt war er über einen sehr langen Zeitraum von seiner Familie getrennt. Er konnte nicht dort sein, um zu helfen. Und sein Land und dessen Einwohner leiden sehr unter der Pandemie.

– Auch am Tisch hatte er schwierige Situationen zu bewältigen. Zweimal war er in Kontakt mit Spielern, welche später positiv auf Covid-19 getestet wurden. Dies zwang ihn für einen Monat in Quarantäne. Wenn man die erste Woche im China-Hub letztes Jahr hinzuzählt, verlor er sehr viel Zeit, was ganz und gar nicht optimal für ihn war, speziell während einer Vorbereitung auf Olympische Spiele.

Aber die Pandemie hat auch die Trainingsperioden zwischen Wettbewerben und Reisen viel länger gemacht. Kannst du darin auch positive Dinge sehen?

– Ja. Wir hatten eine ruhigere Atmosphäre in der Halle. Wir versuchten, die Motivation hoch zu halten, indem wir anspruchsvolle Aufgaben verteilten, sowohl physischer als auch technischer Natur. Ich hatte Zeit, um wöchentliche Workshops im Bereich ”mentales Training” zu organisieren. Hier vernetze ich speziell Hugo mit hochklassigen Sportlern und deren Trainer, hauptsächlich aus Brasilien. Wir teilten unsere Erfahrungen zu Emotionsmanagement während Wettkämpfen, was ein sehr produktiver Austausch war.

– Da der Zutritt in die Halle für die Trainer nicht erlaubt war, übernahm Simon mehr Verantwortung für sein tägliches Training. Da ich es bevorzuge, meine Spieler zu führen und nicht zu lehren, entwickelte sich unsere Zusammenarbeit durch diese Situation auch weiter. 

Wirksam ohne sichtbar zu sein. Foto: ITTF

Was ist der Unterschied zwischen dem Führen und dem Lehren eines Spielers?

– Meine besondere Qualität als Trainer liegt in der Fähigkeit, eine Verbindung zu der verborgenen inneren Qualität eines Spielers herzustellen. Um das Beste aus dem Spieler herauszuholen, kreiere ich ein Umfeld und eine Atmosphäre für den Spieler. Wenn ich richtig analysiert habe und wenn ich die richtigen Fragen stelle, wird der Spieler die Antworten finden, die zu seinen individuellen Eigenschaften als Spieler und seinem Spielverständnis passen. Jemanden etwas zu lehren, was ich will und entschieden habe, würde nicht so gute Resultate bringen.

-Es gibt viele Wege, um erfolgreich zu sein. Man kann versuchen einen Spieler mit einer Rückhand wie Harimoto und einer Vorhand wie Ma Long zu entwickeln. Das kann vielleicht funktionieren, aber wäre langweilig für mich. In einem normalen Jahr bin ich 200 Tage unterwegs. Aber immer noch wache ich jeden Tag lachend auf, weil ich den Prozess liebe, meine Persönlichkeit mit dem Profil eines Spielers zu verbinden. Jeder Prozess ist einzigartig und wir müssen immer neue Strategien entwickeln, was für mich wirklich spannend ist.

Wie soll man die Chinesen beim „kurz-kurz“ schlagen? Foto: ITTF

Veranschauliche bitte diesen Prozess.

– Wir wissen, dass die Chinesen sehr gut im kurz-kurz Spiel sind. Sie spielen sehr flach übers Netz. Sie können zusätzlich dem Ball auch sehr viel Unterschnitt geben. Ich sammelte alle Daten, wie das genau aussieht. Ich kam zu dem Ergebnis, dass es nicht so sinnvoll wäre zu versuchen, noch vor den Olympischen Spielen besser als die Chinesen im kurz-kurz zu werden.  
Also diskutierten wir diese Problematik. Ich fragte ihn, was er glaubt tun zu müssen, um diese Herausforderung zu meistern. Was er entwickeln muss, um das Kurz-Kurz Problem gegen die Chinesen zu lösen. 

– Danach fokussierte er darauf, eine Antwort auf dieses Problem zu finden. Er probierte rum und überlegte wieder. Und probierte erneut. Nach einiger Zeit kam er mit einer Lösung. Er entwickelte einen kurzen Flip, der es für die Chinesen sehr schwer macht mit dem kurzen Spiel während des Ballwechsels weiter zu machen. Das kurz-kurz ist dadurch aufgehoben. Hugo wechselt jetzt zwischen diesem kurzen Flip und seiner bekannten Banane, was seinen Gegner in jedem Ballwechsel vor ein Rätsel stellt. Dieser weiß nicht, ob der Ball kurz bzw. langsam, aber halblang kommt – oder ob der Ball sehr aggressiv lang gespielt wird. 

– Solch eine Lösung hätte ich nie lehren können – hätte ich gar nicht erst finden können. Und selbst wenn ich es könnte, es wäre nicht so integriert in Hugos Spiel, wie es jetzt ist. So etwas muss vom Spieler selbst entwickelt werden! 

Nach Hugo Calderano U21-Sieg bei den ITTF World Tour Kuwait Open 2016. Foto: ITTF

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