Mit 16 bei Olympia, aber: „Ich bin kein besonderes TT-Talent“

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

Prithika Pavade. Foto: ITTF

Herzlichen Glückwunsch zu deiner phantastischen Leistung beim Europäischen Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele – und zu deinem Ticket nach Tokio.
Du bist 16 Jahre alt und die Nr. 390 in der Welt. Mindestens acht französische Spielerinnen sind vor dir in der Weltrangliste. Wie hast du überhaupt einen der beiden Plätze ergattert, die Frankreich für die Quali zur Verfügung hatte?

Es ist etwas kompliziert. Ich hatte in Doha bei der Welt Olympia Qualifikation im März schon recht gut gespielt und weil ich auch noch mehr Erfahrung für die Olympia Qualifikation vor den Olympischen Spielen zu Hause in Paris 2024 sammeln sollte, haben die Trainer mir eine zweite Chance geben wollen.

In deiner Vierer-Gruppe warst du die am niedrigsten eingestufte Spielerin. Fühltest du dich als Außenseiterin oder glaubtest du an eine Chance durchzukommen?

Ich fühlte mich nicht wie eine krasse Außenseiterin, weil ich wusste, dass diese Spielerinnen nicht unschlagbar waren. Aber mir war auch klar, dass ich gut spielen musste, um einen der beiden ersten Plätze zu belegen.

Du hast Bogdanova (Belarus 4-2), Adamkova (Tschechien) 4-1 und Avameri (Estland) 4-2 in der Gruppe geschlagen. Welches Spiel war das schwierigste und warum?

Das Spiel gegen Avameri war vielleicht das schwierigste, weil sie sehr speziell spielt. Gegen Bogdanova lag ich in einem Satz 0-6, in einem anderen 8-10 zurück! Und gegen Adamkova? Wenn ich jetzt noch einmal darüber nachdenke, dann waren alle drei Spiele aus verschiedenen Gründen absolut nicht einfach.

In der Zwischenrunde hast du zunächst die Dänin Mie Skov mit 4-2 besiegt – und dann kam Hana Matelova (Tschechien)! Sie war die an Nr. 1 gesetzte Spielerin im Turnier und ca. 340 Plätze vor dir in der Weltrangliste. Erzähl uns bitte über dieses sensationelle Match.

Die Weltrangliste sagt vielleicht gerade bei jüngeren Spielern nicht immer so viel über die Spielstärke aus. Ich habe Matelova schon bei der „World Olympic Qualification“ im Februar in Katar mit 4-3 geschlagen, obwohl sie dort schon 3-1 geführt hatte. In der Französischen Liga habe ich allerdings 0-3 gegen sie verloren. Ich wusste also, was mich erwartete. 

Dieses Mal war es ein anderes Spiel. Ich habe das Gefühl, dass ich dieses Mal mehr dominiert habe als in Katar, aber es war doch knapp. Ich führte 3-2 und im 6. Satz stand es 9-9. Ich wollte diesen Satz unbedingt gewinnen, um nicht in einen 7. Satz gehen zu müssen. Ich machte einen halblangen Aufschlag – ein nicht guter Vorhand Topspin von ihr – 10-9 für mich. Dann ein kurzer Aufschlag, kurz-kurz Spiel, ich gewinne den Punkt und das Match!

Rückschlag mit Gefühl. Foto: ITTF

Danach hast du gegen Brateyko (Ukraine) gewonnen und am 24. April um 10.30 morgens stand dir die Russin Yana Noskova, die Nr. 59 der Welt, gegenüber. Wie hast du dich vor diesem Spiel gefühlt, das dir bei einem Sieg das Flugticket zu den Olympischen Spielen in Tokio geben konnte?

Um ganz ehrlich zu sein, so habe ich in der Nacht vor diesem Spiel nicht viel geschlafen. Ich habe geruht, aber nicht richtig geschlafen. Ich hatte schon zweimal in der französischen Liga gegen sie gespielt und beide Male 1-3 verloren. Da hatte ich Probleme mit ihren Aufschlägen. 
Ich musste eine Lösung für dieses Problem finden und hatte vor dem Spiel geplant, ihre Aufschläge nicht zu flippen sondern lang und platziert zu schupfen. 

Ich weiß nicht genau warum, aber trotz des Plans flippte ich auf ihre ersten Aufschläge und das funktionierte diesmal so gut, dass ich damit weitermachte. 

Und ich war von Anfang an sehr aggressiv, kämpfte wie ein Löwe um jeden Ball. Ich spielte mit einer deutlich höheren Intensität als in den früheren Begegnungen gegen sie. Ich konzentrierte mich auf das, was ich tun musste, um den nächsten Punkt zu gewinnen, anstatt an die Bedeutung dieses Spiels zu denken. Sie war ungewöhnlich ruhig, ich glaube fast, dass ich ihr in diesem Spiel mental überlegen war.

Welche Taktik hattest du gegen Noskova?

Das sollte ich wohl eigentlich nicht erzählen, aber weil jedes Spiel anders ist, kann es im nächsten Spiel wieder ganz anders sein.

Kurz-kurz oder Flip, ich versuchte das Spiel langsam zu machen, ihr hohes Tempo zu vermeiden. Wenn ich die Möglichkeit bekam, habe ich zuerst mit ganz viel Spin und dann schnell und hart gezogen, um den Punkt zu machen. Variation war das Stichwort.

Warst du nervös in Phasen des Spiels?

Nein, ich war nicht besonders nervös. In einem Satz führte ich hoch und sie kam näher, aber ich war ruhig, nicht daran denkend, worum es ging. Ich hatte Selbstvertrauen, dass ich es schaffen konnte.

Was fühltest du, nachdem du den Matchball verwandelt hattest?

Ich war erfüllt von Glücksgefühlen, einer meiner Träume war wahr geworden. Und ich war gleichzeitig stolz und überrascht darüber, dass ich es geschafft hatte.

Geschafft! Foto: Rita TABORDA, courtesy PTTA

Du wirst der jüngste Teilnehmer der gesamten französischen Olympia Delegation in Tokio sein. Gab es viel Mediainteresse in Frankreich nach der Sensation in Portugal?

Ja schon, viel mehr als normal. Und immer noch. Aber alle Mediaanfragen wurden sehr gut vom Französischen Tischtennisverband und meinem Verein, St. Denis, gesteuert. 

Du hast die Französische Meisterschaften in der Konkurrenz U-12 gewonnen, als du 9 Jahre alt warst. 

Ja, aber ich weiß nicht mehr genau wie das war, das ist jetzt schon lange her und ich war noch sehr klein. Das war ebenfalls eine ziemliche Überraschung, mit der niemand gerechnet hatte. Ich musste auch damals Qualifikationsgruppen spielen und niemand glaubte, dass ich am Ende gewinnen könnte!

Und du hast immer wieder Titel als eine der Jüngsten in der Konkurrenz gewonnen, z.B. letztes Jahr als 15-jährige bei der Europameisterschaft für U-21! Was glaubst du, warum du schon so früh so gut warst? Wieviel hast du in den Anfangsjahren Jahren gespielt und trainiert?

Ich habe an einem französischen Talentprogram, das Babyping heißt, teilgenommen, allerdings nicht sehr intensiv. Dann, mit 7 Jahren, habe ich in einem Verein angefangen, in dem schon mein Bruder spielte und nach mir meine jüngere Schwester. Eigentlich war es mein Vater, der uns zum Tischtennis gebracht hat, er hat nämlich, bevor er nach Frankreich umzog, in Indien ziemlich viel gespielt und sah eine Spielmöglichkeit in der Nähe unserer Wohnung.

Zu Beginn konnte ich nicht regelmäßig zum Training gehen, und ich kann mich daran erinnern, dass mein Vater mir gesagt hatte, ich solle stattdessen im Zimmer gegen die Wand spielen ;-).

Doch dann wurde es immer mehr, mit 10 bis 12 Jahren 1 Trainingseinheit pro Tag, und von meinem 13. Lebensjahr an bis heute: 2 Einheiten täglich, d.h. 5 bis 6 Stunden inklusive physischem Training. 

Ein normaler Tag?

07.00    Aufstehen 
08.00 – 09.15    Schule
09.30 – 12.30    Training
14.20 – 15.20    Schule
15.30 – 18.30    Training

Abends dann entweder nochmal Schule, Hausaufgaben oder persönliche Dinge.

Was würdest du sagen, macht dein spezielles Talent für Tischtennis aus?

Ich finde nicht, dass ich ein besonderes TT-Talent bin. Als Spielertyp habe ich eher Schnellkraft als Ausdauer, ein athletisches Spiel. Ich habe wohl ein gutes Spielverständnis, kann das Spiel lesen, Stärken und Schwächen der Gegnerin erkennen, schnell meine Taktik ändern und die richtigen Entscheidungen im Ballwechsel treffen. 

In der Olympia Qualifikation hast du zwei Top 50-60 Weltranglistenspielerinnen geschlagen. Was must du noch in deinem Spiel verbessern, um dein maximales Potential zu erreichen?


Es gibt noch viele Elemente in meinem Spiel zu verbessern und zu entwickeln. Höheres Tempo bei längeren Ballwechseln, besser agieren gegen Attacken in meine Rückhand…

Danke für das Gespräch, Prithi, und viel Erfolg für die Zukunft.

Kommentar: 
Am 25. Juni 2021 gewann Prithika zusammen mit Simon Gauzy im Mixed ihre erste Medaille bei Damen Europameisterschaften. Und nur ein nicht verwandelter Matchball im 4. Satz verhinderte noch edleres Metall als Bronze.

Simon Gauzy und Prithika Pavade mit den Beweisen ihres dritten Platzes



Mit Prithika Pavade sprach Claude Bergeret.
Interviewfragen von Jens Fellke

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