Liam Pitchfords zweifache Herausforderung

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

Liam Pitchfords Weg zum Weltklassespieler war ungewöhnlich schwer. Viele Jahre musste er nicht nur gegen seine Gegner am Tisch, sondern auch gegen Depressionen kämpfen. Doch jetzt ist er sowohl als Spieler als auch im Privatleben bereit für weitere Schritte.

Jetzt offen. Liam Pitchford begann langsam sein Inneres zu verstehen.
Er bekam Hilfe, um seine Probleme sowohl am Tisch als auch privat zu bewältigen. Foto: Victas

Als die Corona-Pandemie ausbrach hatte Liam Pitchford gerade das beste Turnier seines Lebens gespielt, als er es bis ins Finale der Qatar Open schaffte. „Am Morgen nach dem Gewinn unserer Britischen Meisterschaften reiste ich nach Qatar und während des Trainings dort machte es „Klick“, erzählte der 27-Jährige am Telefon zwischen zwei Trainingseinheiten im nationalen Trainingszentrum in Nottingham.
„Ich musste innerlich lachen, weil ich plötzlich das wunderbare Gefühl hatte, einfach keine Fehler machen zu können.“ In der Runde der letzten 16 gegen Samsonov (der zuvor den chinesischen Top-Spieler Lin Gaoyuan besiegte) stellte „Pitch“ sich den TT-Ball wie einen großen Fußball vor, den er nicht verfehlen konnte. Er wollte nicht zu gierig werden, vermeiden, die Ballwechsel mit zu harten/unkontrollierten Schlägen beenden zu wollen. Es galt, die Ballwechsel auszuspielen und darauf zu vertrauen, dass Samsonov irgendwann vor ihm den Fehler machen würde – was Pitchford auch gelang.

Liam Pitchford hat sehr viele der absoluten Spitzenspieler geschlagen – zum Beispiel 2018 bei der Mannschafts-WM, Mitzutani und Harimoto. Bei der Bulgarian Open Ma Long, bei der Austrian Open Timo Boll und bei der Qatar Open 2020 Xu Xin. Foto: ITTF

“Im anschließenden Viertelfinale gegen Chuang Chih-yuan funktionierten Aufschlag/Rückschlag sehr gut – der 4:0 Sieg gab mir zusätzlich Selbstvertrauen.“
Im Halbfinale traf “Pitch” auf Xu Xin. “Ich hatte zuvor gegen Xu Xin noch keinen einzigen Satz gewonnen. Zu Beginn des Spiels war ich sehr nervös und verlor den ersten Satz mit 3:11. Dann sagte mir mein Coach, dass ich mich entspannen und einfach da rausgehen und das Spiel genießen sollte, was mir irgendwie auch gelang. Ich begann, mich immer besser zu fühlen und verstand irgendwann, dass ich tatsächlich eine Chance hatte. Bei 2:2 lag ich im fünften Satz zurück, konnte aber aufholen und zum 9:9 ausgleichen. Normalerweise können die besten Chinesen in diesen Situationen noch einen drauflegen, aber ich bin komplett im Tunnel gewesen und habe alles reingelegt, was ich hatte.“
Und er schaffte es! Pitchford gewann den umkämpften fünften Satz mit 15:13 und sicherte sich den Sieg mit einem 11:9 im darauffolgenden Satz. Im Finale wurde dieser tolle Lauf in Doha dann beendet – 2:4 gegen Fan Zhendong.

Lockdown in Nottingham. Pitchfords Hinterhof. Foto: Liam Pitchford privat

Yoga
All das geschah Anfang März 2020. Der Rest ist bekannt. Corona. Pandemie. Lockdown. Liam konnte für Monate nicht richtig am Tisch trainieren. „Ich war daheim in meinem Haus in Nottingham. Ich habe ein Fitness Programm von meinem Athletiktrainer durchgezogen und habe von meinem Sponsor Victas einen Roboter bekommen, den ich bei mir in die Garage gestellt habe, um zumindest ein paar Bälle schlagen zu können. Da alles im Lockdown war, fand ich es schwierig, dem Training einen Sinn zu geben. Yoga wurde mein Weg, mit der Situation umzugehen. Es benötigt eine Art innere Aufmerksamkeit, welche sich für mich wie eine neue und herausfordernde Aufgabe anfühlte.“
Es stellte sich heraus, dass das ein sehr guter Schachzug war. 
„Die Pandemie und ihre Konsequenzen brachten einigen inneren Stress mit sich. Ich habe meine Eltern fast drei Monate nicht gesehen, weil sie sich wiederum um ihre Eltern, die zur Risikogruppe gehören, kümmerten. Yoga half mir zu entspannen. Es hat den Fokus von den schrecklichen Dingen, die um uns passierten, genommen und war sehr hilfreich für meine generelle Denkweise.

Das Talent. Liam Pitchford bei den World Junior Championships. Foto: ITTF/Remy Gros

Nach Deutschland
Es war kein Zufall, dass Liam Pitchford mit Yoga anfing und seinen Fokus nach innen auf sich verlagerte. Für einen Topspieler gibt es immer zwei Stränge der Entwicklung, die voneinander abhängig sind. Das für jeden sichtbare am Tisch – und das Innere, welches man nicht sieht, aber mindestens genauso wichtig ist. Für „Pitch“ begann die sichtbare Entwicklung an einem regnerischen Tag im Alter von zehn Jahren an der Brimington Grundschule, als der Regen ihn und seine Freunde davon abhielt, draußen spielen zu können. Sie gingen zu einem Mittagspausen-„Club“, um etwas drinnen machen zu können und fanden einen Tischtennistisch – es war Liebe auf den ersten Blick. Und sie wurde auch bejaht! In einem unglaublichen Tempo wurde er zu einem der besten in seinem Alter in Europa. Nach Abschluss der Schule ging er mit 16 Jahren nach Deutschland, zwei Jahre später nach Ochsenhausen – das Umfeld, in welchem er es in 27 Monaten von Position 275 bis in die Top 50 der Weltrangliste schaffte. Der Weg in die absolute Spitze wurde aber unterbrochen. Nach ein paar Problemen, die wir später erklären, war Pitchford im Februar 2018 wieder auf Position 85 zurückgefallen. 

„Zu dieser Zeit war er wirklich in keiner guten Form“, erzählte der Schwede Marcus Sjöberg, der zu dieser Zeit der Nationaltrainer Englands war. „Es ist sehr selten, dass man die Gelegenheit bekommt, mit einem Spieler ohne wirkliche Grenzen und mit solch einer außergewöhnlichen Rückhand arbeiten zu können. Sein Potential war so viel höher als seine Weltranglistenposition.“
„Mein Beitrag war hauptsächlich sein Aufschlag-/Rückschlagspiel etwas zu verändern, damit er während des Ballwechsels mehr seine Rückhand ins Spiel bringen kann. Und seine Vorhand etwas lockerer zu machen. Ich fand sie ziemlich steif und seine Bewegung etwas zu lang. Er traf den Ball etwas zu spät. Wir arbeiteten intensiv daran, seinen Unterarm mehr zum Einsatz zu bringen, um dadurch seine Bewegung etwas zu verkürzen und dadurch auch in der Lage zu sein, gegen zu ziehen, wenn er auf der Vorhand angegriffen wurde.“

Top 12
Pitchford integrierte diese neuen Dinge in sein Spielsystem und war wieder auf dem richtigen Weg. Er fing an, auf der Weltrangliste wieder nach oben zu klettern. Im August 2019 erreichte er seine bisher höchste Platzierung: 12.
Aber nur ein etwas verbessertes Spielsystem war für seinen Vormarsch nicht genug. Maßgeblich für diesen Sprung war seine innere Entwicklung. Im Laufe seiner Karriere lieferte Pitchford immer hervorragende Leistungen gemischt mit starken Einbrüchen. Manchmal waren diese schwer zu erklären, aber sie kamen immer, wenn er sich selbst unter großen Druck setzte. Es schien, dass Situationen, in denen er eine große Verantwortung verspürte, bei ihm innerlich etwas auslösten, mit dem er nicht zurechtkam. Deshalb die Schwankungen. Die Hochs und Tiefs spiegelten etwas Tiefgründiges in ihm wider. 


„Ich versuchte, die Ballwechsel zu früh zu gewinnen. Ich war nicht selbstbewusst genug, um meinem Spiel und mir selbst zu vertrauen – am Tisch und auch außerhalb der Box.“

Das Innere. Liam: „Manchmal kann jemand von außen sehr glücklich wirken, wobei innerlich alles den Bach runter geht“. Foto: Mike Rhodes

Innerlich läuft etwas falsch
Alles begann Jahre zuvor, als Liam Pitchford sich in Situationen fand, die er nicht kontrollieren konnte und mit denen er nicht umgehen konnte. Irgendetwas in ihm ging verloren und er fühlte, dass er immer tiefer in ein Loch fiel. Er wollte nicht mehr trainieren und fühlte sich alleine.
„Es war nicht so, dass ich keine Freunde um mich herum hatte. Ich habe mich einfach nur nicht mit ihnen unterhalten. Ich habe mich mit gar keinem mehr unterhalten. Ich war immer schon ziemlich ruhig und habe nie wirklich über irgendwas gesprochen, insbesondere nicht über meine Gefühle. Ich habe mir eine Fassade zugelegt, die äußerlich immer noch wie ich aussah, wobei es innerlich ganz anders war. Manchmal kann jemand von außen sehr glücklich wirken, wobei innerlich alles den Bach runter geht.“
Nach einiger Zeit begann er mit einem Mental Coach zu arbeiten. Sie brachte ihn dazu, dass er mit einem Psychiater in London sprach, der ihm Medikamente verschrieb. Parallel startete sein Mental Coach einen Prozess, in welchem Pitchford langsam sein Inneres zu verstehen begann. Zusätzlich gab sie ihm Werkzeuge/Tools zur Hand, um seine Probleme sowohl am Tisch als auch privat zu bewältigen.
„Das Ganze war wirklich eine harte Erfahrung, aber ich würde es nicht ungeschehen machen wollen. Ich fing an mit meiner Familie und meinen Freunden darüber zu sprechen, wie ich mich fühle. Es formte mich und bestärkte mich nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch.“

Interview im Magazin “The Esquire“
Im Sommer 2018 sprach Liam Pitchford über seine Erfahrungen in einem Interview, welches im bekannten Englischen Magazin „The Esquire“ veröffentlicht wurde. In dem Artikel legte er seinen Kampf mit den Depressionen offen dar.
„Das Interview zu geben war eine Befreiung. Von da an war alles öffentlich und lag auf dem Tisch. Es gibt ein Stigma von mentalen Krankheiten. Es wird nicht darüber gesprochen. Es wird als beschämend betrachtet. Ich habe befürchtet, dass ich verurteilt werden würde. Aber das geschah überhaupt nicht. Und wenn meine Geschichte nur einer anderen Person, die sich in einer ähnlichen Lage befindet, hilft, dann bin ich darüber absolut glücklich.“
„Pitch“ ist nun eine Art Botschafter für die Hilfsorganisation „Samaritan“, die er immer wieder im Kampf für mentale Gesundheit unterstützt. 
Und wie ist es um ihn selbst bestellt? Wie fühlt sich Liam Pitchford heute? 
„Sehr gut, danke schön. Als Tischtennisspieler fühle ich mich wieder auf dem Level wie zu dem Zeitpunkt, als die Pandemie ausbrach. Ich vertraue mir selbst am Tisch auf eine andere Art als zuvor und bin viel stabiler. Privat unterstützte mich meine Freundin unglaublich in dieser harten Zeit, obwohl es auch für sie nicht immer einfach war. Im August werden wir heiraten!“

Gute Freunde. Liam und der Beagle Max. Foto: Liam Pitchford privat

Jens Fellke
Übersetzung: Michael Fuchs

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