Leiss´ schöne Leistung zu Ende

Jens FellkeAktuelles, PortraitLeave a Comment

Fünf Jahre lang hat Jochen Leiss die von Dr. Georg Nicklas gegründete Stiftung compass aufgebaut, die junge europäische Tischtennistalente fördert, damit sie ihr Potential optimal ausschöpfen und sich auch im Erwachsenenalter mit den besten Asiaten messen können. 
Zum 1. November beendete Leiss seine Tätigkeit als Geschäftsführer.

„Es waren fünf sehr interessante Jahre, und ich fühle mich privilegiert, so viele kompetente und nette Menschen kennen gelernt und mit ihnen gearbeitet zu haben. Aber ich werde es nicht vermissen, jeden Morgen aufzuwachen und an die vielen Anrufe zu denken, die ich im Laufe des Tages tätigen muss, an die Mails, die ich verschicken muss, und an die vielen anderen Verwaltungsaufgaben, die zu erledigen sind.“

Eskilstuna 2018. Jochen Leiss, rechts, im Gespräch mit compass expert coach Oliver Alke in Schweden. 
Deutschlands Tischtennislandschaft mit seinen 700.000 Spielern für Norwegen mit seinen 1.000 Tischtennisspielern zu verlassen war ein radikaler Schritt von Jochen Leiss Mitte der 1980er Jahre. Fast genau so groß war der Schritt, das extrem erfolgreiche „Norwegische Spitzensportgymnasium“ (NTG) für compass zu verlassen und in die Tischtenniswelt 2016 zurückzukehren.
„Irgendwie war es der richtige Zeitpunkt, um Norwegen zu verlassen. Als ich ging, hatte ich zusammen mit Kollegen ein Konzept ausgearbeitet und implementiert, das die Qualität der Schule dermaßen anhob und das Interesse im Lande für NTG so extrem war, dass es jetzt 10 NTG-Schulen über das ganze lange Land verteilt gibt. Ich hatte das Gefühl, dass ich damit einen guten Abschluss hatte und meinen Beitrag geleistet hatte. Foto: Jens Fellke

Nein, von nun an ist Jochen Leiss Rentner. Wenn er aufwacht, wird er überlegen, wen er und seine Lebensgefährtin Claude Bergeret wohl im Tennis Club treffen werden, dem sie in Malaga, wo sie die meiste Zeit leben werden, beigetreten sind. Oder ob sie nicht Frisbee-Golf oder Padel Tennis spielen oder einfach einen Spaziergang in der Altstadt oder entlang der Strandpromenade machen sollten. Oder ob sie vielleicht einen Ausflug zu einem der wunderschönen Orte in der Nähe der Costa del Sol (Sonnenküste) machen sollten.

Den Rest des Jahres verbringt er in Paris, wo er Museen, Ausstellungen, Musicals oder Sportveranstaltungen besucht. Oder er macht Radtouren, wo er auf dem Rückweg in einem gemütlichen Restaurant zu Mittag isst.

Weiterhin Teil des Geschehens

Aber Jochen Leiss hat sich noch nicht ganz vom Tischtennis verabschiedet. Als Vorstandsmitglied der Stiftung compass wird er weiterhin am Puls des Geschehens in der Tischtenniswelt sein, insbesondere bei den Jugendspielern bis 15 Jahre. Er wird ein Sparringspartner sein, wenn es darum geht, wie die hohen Ziele von compass erreicht werden können – „ein nachhaltiges System im europäischen Tischtennis für die Ausbildung von globalen TOP10-Spielern zu schaffen und zu etablieren, um Europa wettbewerbsfähig zu halten und China herauszufordern“.

„Die Entwicklung eines Talents zu einem Weltklassespieler ist immer eine Frage davon, die richtigen Dinge zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten zu machen“, sagt er in unserem Zoom-Meeting. „Früh mit dem Spielen anzufangen ist entscheidend, da die Entwicklung der Synapsen im Gehirn, die die motorischen Fähigkeiten steuern, in der frühen Kindheit am stärksten ist.“


Aber es reicht nicht aus, einfach drauflos zu spielen, laut Leiss und compass: Um die richtige Entwicklungsdynamik anzutreiben, muss das Kind mehr oder weniger jeden Tag spielen und die Möglichkeit haben, die Schläge so oft wie möglich zu wiederholen.

Zu viele Spieler für einen Trainer

„Wenn zwei Anfänger miteinander spielen, gibt es wenig Ballkontakte und man rennt dem Ball mehr hinterher als ihn zu schlagen. Stattdessen sollte der Trainer sich auf ein Talent konzentrieren und viel Einzeltraining geben. Hier liegt die zweite große Herausforderung nach einer guten Sichtung: Die Vereins- und Landestrainer sind angewiesen, ihre Zeit und Aufmerksamkeit gleichmäßig auf 12-14 Spieler zu verteilen, ungeachtet des unterschiedlichen Niveaus von Talent und Spielfreude unter den Kindern. Sie haben nicht die Möglichkeit, sich um einzelne motivierte, talentierte Anfänger zu kümmern“

Münster/Hessen 2017. Zu Besuch bei Horst Heckwolfs Projekt in einem Kindergarten.

Ein interessantes und vielversprechendes Projekt, das compass in den Anfängen der nun fünf Jahre alten Stiftung unterstützte, bestand darin, in Kindergärten zu gehen, Tischtennis im täglichen Umfeld der Kinder vorzustellen und ihnen dann anzubieten, regelmäßig in einem örtlichen Verein zu spielen. Das taten dann auch sehr viele der Kindergartenkinder – bis zu 30 % von ihnen.

Ein großes Problem ergab sich dann aber trotzdem: Als die Faszination und das Interesse für Tischtennis in den Kindern geweckt war, reichten die Ressourcen und das Engagement in den Vereinen nicht aus, um es richtig zum Rollen zu bringen. Die Kinder hörten entweder auf, im Verein zu spielen, oder sie entwickelten sich nur in normalem, langsamerem Tempo, als compass sich es wünschte. 

„Deshalb sind die meisten erfolgreichen Nachwuchsspieler, sowohl in Europa als auch in Japan, aus Tischtennisfamilien hervorgegangen, in denen entweder die Mutter oder der Vater und oft auch ein älteres Geschwisterkind viel individuell mit dem jüngeren Kind trainiert haben. In China war schon lange Anfängertraining mit einem Erwachsenen und 2-3 Kindern gang und gäbe.“

Ein System kreieren

Das langfristige Ziel von compass ist es, ein System zu kreieren, das auf dieser einfachen Erkenntnis beruht. Das Niveau der besten Europäer und die Entwicklung des Tischtennissports auf dem Kontinent, soll nicht zufällig vom leidenschaftlichen Engagement ehemaliger Spieler für das Tischtennis ihrer Kinder abhängen.
„Wir führen unsere eigene Sichtung durch und prüfen, ob die entscheidenden Voraussetzungen gegeben sind. Wenn wir einen Spieler in das compass-Team aufnehmen, arbeiten unsere hauptamtlichen Trainer Oliver Alke und Evelyn Simon eng mit dem persönlichen Trainer des Spielers zu Hause zusammen, um einerseits auszubilden und den Prozess zu verfolgen, und andererseits um sicherzustellen, dass die Entwicklung mit unseren Zielen übereinstimmt.“

Tokyo 2019. Annett Kaufmann und ihre compass Expertentrainerin Evelyn Simon in Japan. Foto: privat

Außerdem unterstützt compass auch finanziell bei den vielen Ausgaben, die anfallen, wenn man ein Spitzenspieler werden will. Dabei kann es sich um Stipendien oder direkte Unterstützung für zusätzliches Training und Sparring handeln. Auch Reisen zu internationalen Jugendmeisterschaften oder zur Teilnahme an Lehrgängen werden unterstützt. Ebenso gibt es für die Talente Unterstützung, um einen Ausrüster-Vertrag zu bekommen.

Jochen Leiss ist 116-facher Nationalspieler und früherer Deutscher Meister. Leiss war Bundestrainer Jugend und Leistungssportkoordinator im DTTB. 1986 ist er nach Norwegen gezogen und hat 7 Jahre als Generalsekretär und Bundestrainer im Norwegischen Tischtennis Verband gearbeitet. Danach war er als Sportchef und Sportdirektor der Stiftung ‚Norwegisches Spitzensportgymnasium‘ (NTG), aus der sehr viele Olympiasieger und Weltmeister in 25 verschiedenen Sportarten hervorgegangen sind, bis 2016 tätig.

Also fünf Jahre compass. Hat es etwas beeinflusst oder verändert?

„Es ist immer schwierig zu sagen, ob die Leute ihre Denkweise darüber geändert haben, wie man junge Kinder dabei unterstützt, Top-Spieler zu werden. Wir haben die wissenschaftlichen Fakten und die Art und Weise, wie die erfolgreichsten Spieler zu Topspielern wurden, an viele Menschen und Organisationen in Deutschland und anderen Ländern weitergegeben. Ich denke, alle haben den von uns präsentierten Fakten zugestimmt, viele haben darüber nachgedacht und einige wenige haben die Initiative ergriffen. Es hat sich also etwas getan, auch abgesehen von der Arbeit unserer Trainer. Früh mit dem Spielen anzufangen scheint mehr akzeptiert zu werden, auch dass sich Vereins- oder Landestrainer mehr auf einzelne Spieler konzentrieren, hat gezeigt, dass es möglich ist, eine Entwicklung zu beschleunigen. Beispiele sind Evelyn Simon mit Annett Kaufmann in Baden-Würtemberg, Olli Alke mit Lleyton Ullman in Hamburg, Mirsad Fazlic mit Luke Jalaß in Schleswig-Holstein oder Christine Mettner im WTTV.
Auch mit dem DTTB haben wir im Laufe der Jahre viele Gespräche und Diskussionen geführt. Auch dort fielen unsere Gedanken auf fruchtbaren Boden, auch wenn der Spitzenverband nicht mit den Jüngsten arbeiten kann, weil seine Aufgaben später beginnen. Aber viele andere Dinge haben sich aus verschiedenen Gründen meiner Meinung beim DTTB verbessert. Zum Beispiel ist die strikte Einteilung in Altersklassen in den Nachwuchskadern aufgelöst. Heute werden die Talente entsprechend ihrem Leistungsniveau gefördert, was bedeutet, dass die Spielstärke, nicht das Alter für die Teilnahme am Kadertraining entscheidend ist. Ein Beispiel ist Annett Kaufmann, die noch als Schülerin mit der Damen Nationalmannschaft trainieren darf. Das gibt den Talenten wichtige Impulse, und in der Folge eine bessere Nationalmannschaft für den DTTB. Das passt zu ‚Du wirst so gut wie oder besser als die, mit denen du dich mengst‘, und ist etwas, wonach wir in Norwegen immer gehandelt haben und was mitentscheidend für die Entwicklung eines jungen Sportlers ist“, so Jochen Leiss.

Viele Talente und Trainer im Team

Am Anfang war die Idee des ersten compass-Trainers, Mario Amizic, sehr konzentriert mit wenigen Talenten zu arbeiten. Das hat sich geändert. Heute arbeitet compass mit sehr vielen Talenten unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft zusammen. Fünfzehn von ihnen sind Deutsche, einer ist Franzose und vier sind Schweden. Der Jüngste, Eduard Kardon aus Schleswig-Holstein, ist 2014 geboren. Die Zeit wird zeigen, wer sich entsprechend entwickelt, um auch mit 12 bzw. 15 Jahren noch gefördert zu werden.

„Der größte Erfolg für eine compass Spielerin kam am vergangenen Wochenende, als Annett Kaufmann zur jüngsten U21-Europameisterin im Einzel aller Zeiten gekrönt wurde. Sie ist ein perfektes Beispiel dafür, wie compass funktionieren soll.

Ohne die Unterstützung ihres Umfeldes hätte Annett das aber nie schaffen können. Ohne ihre Mutter, die sie und ihre Schwester Alexandra fast jeden Tag zum Training gefahren hat, Evelyn Simon, erst ihre Stützpunkttrainerin, dann Teilzeit Landes-/compass Coach, jetzt Vollzeit compass Coach, die sich intensiv mit dem manchmal eigenwilligen Mädchen in der Halle und außerhalb auseinandergesetzt hat, ohne den TTBW mit Sönke Geil und seinen Leuten, den DTTB mit seinen Maßnahmen und uns, von compass, wäre es für Annett nicht möglich gewesen, so weit zu kommen. Alle haben ihren Teil beigetragen – und am meisten natürlich Annett selbst!

Ich gratuliere ihr zu diesem Erfolg und sage: was du heute geleistet hast und dich zur Siegerin gemacht hat, reicht morgen nicht mehr aus. Auf geht’s, die Zukunft wartet.“

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