Keine Entschuldigungen und kein Bedauern bei Tamara Boros

Jens FellkeAktuelles, Portrait, TrainerportraitLeave a Comment

Sechs Jahre lang war Tamara Boros in den Top 10 der Weltrangliste. 2002 kletterte sie bis auf Position 2. Jetzt, als Deutsche Damen-Bundestrainerin, gibt sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an eine neue Generation von Spielerinnen weiter. Und sie weiß, wie man die Lücke zu den Besten schließen kann:

”Der Schlüssel, um die Chinesen angreifen zu können, ist der gleiche wie damals bei mir und Mihaela Steff vor 20 Jahren – man muss extrem gut bei den ersten 2 Ballberührungen sein.

Tamara Boros betreut Annett Kaufmann bei der Damen EM 2021. Foto: ETTU

Als ich Tamara Boros am Telefon erreiche ist sie gerade im Urlaub in Kroatien. Kurz zuvor führte sie ein sehr junges, deutsches Team zu einem überraschenden Sieg gegen Rumänien im Finale der Team-Europameisterschaften, und im Moment bereitet sie sich auf die Weltmeisterschaften in Houston im November vor. Eine der vier Teammitglieder bei der Europameisterschaft war eine compass Spielerinn – Annett Kaufmann, 15 Jahre alt, die von Boros ausgewählt wurde um der nach ihren Worten „Zukunft des Deutschen Tischtennis“ Erfahrung bei einer großen Meisterschaft zu ermöglichen.

Ein Umbruch hinter der Sensation

„Ich habe Annett schon bei einem Turnier betreut als sie erst 12-13 Jahre alt war und war direkt von ihrer Fähigkeit, ein Gefühl für das Spiel und die Taktik zu haben, beeindruckt. Direkt nach jedem Satz brachte sie auf den Punkt, was falsch gelaufen ist und was geändert werden muss.“Die Frage ist, ob Annett eine neue Tamara, die das Halbfinale im Einzel bei der WM 2003 erreichte (etwas sehr Seltenes für eine europäische Spielerin), werden kann. Seit 1973 schafften es nur Tamara und Otilia Badescu (1993) auf das Siegerpodest.

Aufschlag, Rückschlag, Eröffnungsball und eine starke Rückhand waren Tamara Boros‘ Waffen als Spielerin. Foto: ITTF

„Sechs-sieben Wochen vor der WM in Paris 2003 spielte ich die EM“, erzählt Tamara als sie nach diesem besonderen Event gefragt wird. „Im Teamwettbewerb bei der EM verlor ich zwei Einzel gegen Italien im Finale und im Einzel erreichte ich nur die Runde der Letzten 32. Ich war sehr enttäuscht. Ich sagte meinem Trainer Neven Cegnar, dass ich eine Pause bräuchte. Er ermutigte mich und sagte, dass er weiß, dass ich jederzeit großartiges Tischtennis spielen könne. So nahm ich mir meine Pause und machte dann nur eine Einheit Tischtennis plus eine Einheit Krafttraining pro Tag, bis die WM losging.“

Erreichte das Halbfinale bei der WM 2003

In Paris spielte Tamara nicht besser als sonst. Aber sie war wie in einem Tunnel und fühlte sich mental sehr stark.

„Ich lag in zwei Spielen 1-3 hinten und konnte es noch in einen Sieg umwandeln. Ich lag 2-3 und 5-8 hinten, aber dachte immer nur an den nächsten Punkt.“

In ihrer Hälfte der Auslosung besiegte die Deutsche Elke Schall eine Chinesin und verlor dann gegen Badescu, die wiederum Boros dann im Achtelfinal schlug. Im Viertelfinale spielte Tamara gegen Gao Jun, eine aus China stammende Spielerin, die für die USA startete und davor gegen eine der besten Chinesinnen gewann. Im Halbfinale gegen den chinesischen Superstar Wang Nan (4 x Olympiasiegerin und 15 WM Goldmedaillen) war für Boros das fantastische Turnier dann aber zu Ende.

„Ich habe nie gegen Wang Nan gewonnen, nicht in Paris, oder irgendeinem anderen Turnier. Einmal führte ich in einem Pro Tour Finale 3-2 und 8-4, aber wie immer machte sie dann in den entscheidenden Momenten keine Fehler mehr.“

Wie kommt es, dass du und Mihaela Steff (Nummer 3 der Weltrangliste in 2001) zu dieser Zeit die Chinesinnen herausfordern konnten?

„Man braucht etwas Besonderes um auf dem gleichen Niveau wie die besten Asiatinnen sein zu können. Meine Stärken waren gute Aufschläge, gute Rückschläge und die ersten Angriffsbälle. Außerdem war ich auch eine der besten Rückhandspielerinnen. Steff war eine Linkshänderin, die sehr aggressiv gespielt hat, mit guten Aufschlägen und einem starken ersten Ball danach.“

Tamara Boros begann mit Tischtennisspielen in ihrer Heimatstadt Senta in Serbien im Alter von sieben Jahren. Als sie ca. zehn Jahre alt war, kam ein äußerst professioneller Trainer, Igor Kubat, in ihren Verein.

„Jeder in der Gruppe wollte einen guten Eindruck auf ihn machen, aber nach der ersten Einheit sagte er, dass wir zu langsam seien und wir uns zwischen den Ballwechseln zu viel Zeit beim Bälle Aufsammeln lassen. In diesem Moment verstand ich den Stellenwert von Intensität und Fokus, und dass eine ausgeprägte Disziplin nötig war.“

Ein wichtiger Finger in der Luft

Kubat fragte auch, wer ein wirklich guter Spieler werden möchte. Tamara hob die Hand und ganz plötzlich wurde ihr täglicher Zeitplan ziemlich intensiv: 6:30 bis 7:15 Uhr Aufschlagtraining, danach Schule bis 13:00 Uhr. Balleimertraining von 13:30 – 15:00 Uhr. Gruppentraining 18:00 – 20:30 Uhr. Fast fünf Stunden Training am Tag.

„Als Spieler war ich nicht sehr begabt. Sogar später, als ich das Europe Top 12 in der Jugend spielte, sagten mir Leute, dass ich zu langsam sei, nicht talentiert genug sei. Aber ich habe in jedem Training mehr als 100% gegeben, hatte Trainer, die an mich geglaubt haben und ich tat alles was ich konnte, um mich Schritt für Schritt zu verbessern.“

Top 10 im Dezember 1999

1991, als der Balkan Krieg ausbrach, flüchteten Tamara und ihre Familie nach Schweden. Zwei Jahre später zog ihre Familie von dort nach Zagreb in Kroatien. Dort konnte Tamaras Schwester in eine gute Schule gehen und Tamara hatte ein gutes Umfeld, um zusammen mit ihrem Personal Coach Neven Cegnar ihr Tischtennis weiterzuentwickeln. Nach einigen Jahren kamen die Ergebnisse. 1996, bei der Qualifikation zu den Olympischen Spielen, begann sie europäische Top 12 Spielerinnen zu schlagen und verstand, dass sie das Potential hatte, eine Topspielerin zu werden.

1998 erreichte sie überraschenderweise das Einzelfinale bei den Europameisterschaften. Im Dezember 1999 stieg sie in die Top 10 der Weltrangliste auf, was sie für sechs Jahre halten konnte, bis eine Verletzung den Rest ihrer Karriere negativ beeinflusste. 2012 begann sie als Trainerin an der Werner Schlager Academy in Wien, wo sie bis 2016 blieb. Im Juli 2017 nahm sie die Stelle als verantwortliche Trainerin für den U-23 Damenkader des Deutschen Tischtennis Bundes an. Ihr Fokus lag besonders auf drei Spielerinnen dieses Kaders, von denen zwei kürzlich Team-Europameisterinnen wurden – Nina Mittelham und Chantal Mantz – mit ihr als frischgebackene Bundestrainerin auf der Bank.

Ein Prozess des gegenseitigen und umfassenden Lebens und Nehmens zwischen Tamara Boros und ihren Spielerinnen, mit Fokus darauf, auf dem gleichen Weg zu sein, damit man Ziele gemeinsam verfolgen kann. Das ist die Grundlage für Tamara Boros‘ Konzept als Trainerin.

Gegenseitiger Prozess

„Ich habe von meinen eigenen Trainern Disziplin und hartes, intensives Arbeiten gelernt, um wirklich 100% in jedem Training geben zu können. Und ich habe gelernt, bewusst und intelligent zu trainieren – im Sinne davon, dass es mir klar bzw. bewusst war, weshalb ich ein bestimmtes Detail trainierte und wie ich es in mein individuelles Spielsystem einbauen kann. Außerdem habe ich gelernt, nicht nach Ausreden zu suchen, sondern wirklich zu verstehen bzw. auch danach zu suchen, was wir besser machen können.Das ist die Basis dessen, was ich in meiner Rolle als Trainer an meine Spieler weitergeben will. Aber auch einen Prozess des gegenseitigen und umfassenden Gebens und Nehmens mit den Spielerinnen anzustoßen, mit dem Fokus darauf, auf dem gleichen Weg zu sein, damit wir unsere Ziele gemeinsam verfolgen können.“ 

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