„Junge Talente früh entdecken“

Jens FellkePortrait, TrainerportraitLeave a Comment

Seit dem 01.01.2019 arbeitet Oliver Alke als Vollzeit-Trainer für die Stiftung compass. Nachdem er Lleyton Ullmann auf Platz 1 seiner Altersklasse und sogar unter die Top 3 des ein Jahr älteren Jahrgangs in Deutschland verholfen hat, hat ein sehr junges Talent namens Eduard Kardon, Jahrgang 2014, aus Schleswig-Holstein seine Aufmerksamkeit gewonnen.

Oliver Alke und Lleyton Ullmann am Tisch. Foto: Jens Fellke

”Ich kam in Kontakt mit der Stiftung compass über deren Interesse an Lleyton, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt schon seit mehreren Jahren eng arbeitete.” sagt ”Olli” übers Telefon in Hamburg. ”Mir gefiel das Konzept von compass, dass sie sehr junge Talente für eine frühe Förderung entdecken wollen, um ihnen mit einer gezielten Arbeit die Möglichkeit zu geben, ihr Potential optimal auszuschöpfen. Der Gedanke, dass zusätzliche Initiativen einer Stiftung in Zusammenarbeit mit den bestehenden Organisationen und Umfeldern von Talenten der Weg sein könnte, einen zukünftigen, nicht-asiatischen Weltklassespieler zu formen, war überzeugend. Als ich dann das Angebot bekam beizutragen, sagte mir mein Bauchgefühl, dass ich das wirklich gerne Vollzeit machen wollte“.

Lleyton Ullmann (in rot) beim Aufwärmen während eine Trainingswoche in Ochsenhausen zwischen zwei anderen compass-Spielern, Kevin Fu (3. von rechts) und David Björkryd (ganz rechts). Foto: Jens Fellke

Der erste Schützling zieht um
Alkes erster Protegé, der Team compass Spieler Lleyton Ullmann, hat erst vor kurzem Hamburg verlassen, um im Deutschen Tischtenniszentrum (DTTZ) in Düsseldorf zu leben und zu trainieren. Lleyton wird jedes zweite Wochenende nach Hause kommen, um seine Familie zu sehen. Und natürlich wird Olli dann auch Trainingseinheiten mit ihm machen. Er wird außerdem auch weiterhin Lleytons persönlicher Coach bleiben ihn regelmäßig in Düsseldorf besuchen und bei Wettkämpfen betreuen. Das tägliche gemeinsame Training ist aber vorbei. Von nun an wird nicht mehr das, was in Hamburg, sondern was in Düsseldorf passiert einen größeren Einfluss auf Lleytons Entwicklung haben.   
„Es ist der perfekte Zeitpunkt für Lleyton nach Düsseldorf zu gehen. Er ist jetzt 14 Jahre alt und muss mehr Zeit in die Schule investieren, was seine Trainingsumfänge negativ beeinflusst hätte, wenn er in Hamburg geblieben wäre. Sein Spielniveau ist jetzt so hoch, dass es auch immer schwieriger wird, ständig angemessene Trainingspartner hier für ihn zu finden. 
Und die anderen Mitglieder der Trainingsgruppe hier haben auch nicht seine hohen und professionellen Ziele, was seine Motivation nicht unbedingt positiv beeinflussen würde“.

Gruppendynamik
In Düsseldorf haben die Schularbeiten wenig Einfluss auf seine Trainingsumfänge. Lleyton wohnt buchstäblich 50 Meter von der Halle entfernt und kann trainieren, wann immer er will. Er ist von Spielern unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Phasen ihrer Karriere umgeben, aber alle wollen irgendwann die Nummer 1 werden. Teil einer solchen Gruppendynamik mit vielen guten Spielern zu werden, wird auch für Lleyton sehr von Vorteil für seine Entwicklung sein.


Win-win
Vor Lleytons Umzug war die Arbeit mit ihm ein großer Teil von Oliver Alkes täglicher Agenda. Jetzt ist mehr Zeit für neue, junge Talente. Der Jüngste von ihnen ist Eduard Kardon, geboren 2014. „Eddie“ ist ein typisches Beispiel dafür, wo compass bei der Entwicklung von vielversprechenden Talenten hilfreich sein kann. Wenn die äußeren Bedingungen stimmen und die Eltern zustimmen, kann compass diesen mehr qualitativ gutes Training und Spielen anbieten als die Vereins- oder Landestrainer, weil deren Aufgabe es ist, vielen Kindern weiterzuhelfen. Sie können sich nicht auf einzelne, sehr junge Spieler, die nahezu Anfänger sind, konzentrieren. „Im Endeffekt ist es eine Win-win Situation – der Landesverband bekommt einen besseren und konkurrenzfähigeren Spieler, ebenso wie die Jugendnationalmannschaft und hoffentlich irgendwann auch die Herren Nationalmannschaft“ sagt Olli.

„Olli“ Alke mit einem seiner neuen Schützlinge – Eduard Kardon. Foto: Privat

Eduard Kardon
„Der Hinweis kam von Mirsad Fazlic, dem Landestrainer von Schleswig-Holstein. „Eddie“ war der „kleine Bruder“, der auf der Bank sitzend seiner großen Schwester beim Stützpunkttraining zuschaute. Sein Interesse auch TT zu spielen, wurde von Mirsad bemerkt. Für ihn war klar, dass Eddie nur Einzeltraining bekommen konnte, weil er als fast Anfänger viel schlechter als alle anderen im Stützpunkt war. Also organisierte Mirsad dies für Eddie. Deshalb kam ich für ein paar Testeinheiten und habe, ebenso wie Mirsad, bemerkt, dass Eddie etwas Spezielles hatte, und wir uns um ihn, trotz oder gerade wegen seines jungen Alters, intensiver kümmern sollten.“

Zunächst spielte auch Olli mit Eddie 1-mal pro Woche, seit einigen Monaten sind es nach Absprache mit Mirsad 4-mal pro Woche geworden. Dies ist auch nur möglich, weil die beiden nicht weit voneinander wohnen, viel näher als Mirsad.  

„Es gab am Anfang viele Dinge, die ich noch lernen musste“ fuhr Olli fort. „Wie lange konnte ich eine Trainingseinheit mit ihm machen? Wie bewahre ich seinen Spaß am Spiel? Wie kompensiere ich in diesen Corona-Zeiten die Tatsache, dass keine anderen Kinder in der Halle sein können? Wieviel lustige Spielchen gegenüber „ernsthaftem“ Training konnte ich machen?„Ich versuche sehr, auf seine Stimmungslage einzugehen und passe jedes Training an, um immer das Beste rauszuholen. Und es macht sehr viel Spaß mit ihm zu spielen! „Eddie“ entwickelt sich, weil er sich im optimalen Alter des Bewegungslernens befindet, natürlich schnell weiter. Er ist sehr mutig, hat Selbstvertrauen und ist extrovertiert. Er nimmt nicht jeden meiner Ratschläge direkt an. Manchmal sagt er Dinge wie: ‚Nein, nein, ich kann das auch anders machen, schau zu…‘. 
Er ist Linkshänder und hat jetzt mit seinen 6 Jahren schon eine ziemlich harte Vorhand.“


Was hast du aus dem langen Prozess mit Lleyton gelernt, was du jetzt bei „Eddie“ anwenden kannst?

„Dass es sehr wichtig ist, für jedes Talent eine sehr individuelle Herangehensweise zu haben. Und man braucht ein komplettes Bild des Kindes, das heißt, man kann nicht nur auf das Tischtennisspezifische und die physischen Eigenschaften fokussieren, sondern muss auch das altersabhängige emotionale Verhalten und die sozialen Bedürfnisse verstehen.

Der/die eine versucht alles nach Lehrbuch zu machen, der/die andere ist eher revolutionär und will die Grenzen austesten. Die Herausforderung als Trainer ist es, all das im Lernprozess zu beachten, damit der Spieler nach und nach sowohl mit dem Körper als auch mit dem Kopf lernt, was notwendig ist, um Training effizient und zielführend und später auch Wettkämpfe erfolgreich gestalten zu können.

Ich habe meine Meinung bzgl. Trainingsumfänge geändert. Ich bin jetzt eher für Training mit hoher Konzentration und Intensität als nur die Stunden zu zählen.“

Aber Alke legt immer noch sehr viel Wert auf die grundlegenden Dinge. Eine gute Grundtechnik, kombiniert mit einer guten Beinarbeit. Obendrauf kommen individuelle Lösungen für Dinge wie Aufschlag, Rückschlag und die Bälle danach.

„Es geht immer um die perfekte Balance zwischen den Dingen, die jeder gründlich lernen muss – und den individuellen Wegen der Spieler*innen, um alle übrigen Herausforderungen zu bewältigen.“

Oliver Alke. Foto: Jens Fellke

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