Japans Comeback als Spitzennation

Jens FellkeAktuellesLeave a Comment

Mit 15 Damen und 10 Herren in der Top-100-Liste (März 2020) kann am ehesten Japan in Zukunft China herausfordern.
Die Teenager Mima Ito und Tomokazu Harimoto schlagen immer öfter die besten Chinesen und lassen die Japaner vom Wiederaufleben der fünfziger Jahre träumen, einer neuen Epoche mit viel Gold bei den wichtigsten Meisterschaften. Vielleicht wird sie schon bei den Olympischen Spielen in Tokio eingeleitet, die jetzt voraussichtlich im nächsten Jahr stattfinden.
Ich machte mich auf nach Japan, um die Ursachen für Japans Comeback als Spitzennation zu ergründen.

Jun Mizutani, ein wichtiger Vorreiter für Japans Wiederauferstehung. Foto: ITTF

Die All Japan Championships sind Japans nationale Meisterschaften. Deren Durchführung zeigt den hohen Status, den Tischtennis in Japan genießt. In Osaka sind ca. 8000 Zuschauer bei den Finalen auf den Zuschauerrängen. 300 Journalisten berichten. Sechs Fernsehanstalten senden.
Ich bin beeindruckt von dem hohen Spielniveau ab der ersten Runde. Es ist als ob man eine moderne 2.0 Version der außerordentlich erfolgreichen 1950er Generation zu sehen bekommt. Die Spieler bewegen sich äußerst schnell, explosiv und sind sehr beweglich – und spielen mit einer weichen Technik aber kraftvollen Schlägen.
Lange Zeit war Japan wie gefangen in seinen 50er-Jahre Erfolgen. So wie es Schweden nach seiner Gold Ära in den 90er-Jahren nicht gelang, sein Modell unter Beibehaltung seiner Konkurrenzstärke zu modernisieren, so stagnierte auch Japan aufgrund einer zutiefst konservativen Haltung. Wenn Ogimura mit Penholder gewinnen konnte, so sollten die zukünftigen Generationen das auch können. Sie sollten den Punkt mit einem Smash machen und den Tisch so weit wie möglich mit der Vorhand abdecken – unabhängig davon, wie sich das Spiel im Rest der Welt entwickelte.

Rückhand Power von Uda. Foto: World Table Tennis

In Osaka wird deutlich, wie die 2.0-Version sich nun durchgesetzt hat. Die Grundlage ist die gleiche wie die, die die Erfolge vor 60 bis 70 Jahren ermöglicht hat: physische Stärke, hohes Tempo, solide und präzise Technik. Aber jetzt spielen alle Shakehand. Die besten haben eine mindestens genauso gute Rückhand wie Vorhand. Die Spielweise ist individuell ihren Fähigkeiten angepasst. Erstaunlicherweise sind es weder Ito noch Harimoto, die bei den All Japan das Potential des neuen japanischen Stils am besten zeigen. Es sind drei andere junge Spieler. Das verstärkt den Eindruck, dass die Zukunft der ’Wurzel der Sonne’, den beiden Zeichen der Chinesen für Japan, gehört.

Togami, Uda und Hayata

Es sind Togami und Uda in der Herrenklasse und Hayata bei den Damen. Togami, geboren 2001, fegt die Nr. 12 der Weltrangliste, Koki Niwa, im Viertelfinale vom Tisch. Wenn er als Rechtshänder mit seiner Rückhand diagonal hart in die Vorhand des Linkshänders Niwa spielt, schafft dieser es oft nicht, den Schläger schnell genug hoch zu bekommen. Er kann sich nur umdrehen und zur Umrandung gehen, um den Ball zu holen. Auch im Halbfinale gegen Harimoto glänzt Togami mit seiner Rückhandtechnik. Er ist geschickt darin, die Energie des ankommenden Balles zu nutzen.
Eine deutliche Drehung des Körpers in Richtung des Balles und eine brutale Schlägergeschwindigkeit im Balltreffpunkt verleihen seinen Bällen ein enormes Tempo. Wenn er seine Rückhand parallel platziert, findet Harimoto keine Antwort. Die Geschwindigkeit des Balles ist zu hoch. Es sieht nach einem klaren Sieg für Togami aus. Er führt 3-1 in Sätzen. Dank immer entschlossener Rückhand Attacken gelingt es Harimoto jedoch, sich aus der Umklammerung zu befreien und sich in den Duellen die Zeit zu verschaffen, die er braucht, um das Spiel zu drehen. Aber gegen den kraftvolleren Linkshänder Uda, ebenfalls 2001 geboren, gelingt es Harimoto nicht, das Spiel noch zu wenden, obwohl er nah dran ist. Er liegt mit 1-3 zurück, und es kommt zum siebten Satz. In diesem hat Uda mehrere Matchbälle, Harimoto wehrt sich verzweifelt, aber am Ende gewinnt Uda dieses spannungsgeladene Finale hauchdünn.

Zu erwähnen sei, dass es ein weitaus höheres Prestige mit sich bringt, sich als ‚Japanischer Meister im Einzel‘ titulieren zu können, als dies seit einigen Jahren in Deutschland der Fall ist. Irgendwann in den letzten 20 Jahren hat der Titel des Deutschen Meisters an Bedeutung verloren – nett ihn zu haben, aber nicht mehr.

Bei den Damen schlägt die Linkshänderin Hayata, geboren 2000, die Nr. 3 der Welt, Mima Ito im Halbfinale und Ishikawa im Endspiel. Gegen Ito verläuft das Spiel ähnlich wie das von Uda gegen Harimoto. Hayata begnügt sich nicht damit, mit ihrer Rückhand zu kicken. Obwohl sie nah am Tisch steht, holt sie relativ weit aus und schlägt mit voller Kraft zu. Und immer wieder hat sie einen optimalen Winkel, wenn sie den Ball weit auf Itos Vorhandseite, auf oder fast auf die weiße Seitenlinie platziert. Ito erreicht meistens den Ball nur mit großer Mühe und hat keine bessere Antwort als gerade noch zu blocken – dann kommt Hayata mit ihrer Vorhand. Sie trifft den Ball am höchsten Punkt und platziert ihn diagonal in Itos Rückhandecke. Dorthin gelangt die dritte der Weltrangliste nicht. Sie sieht direkt langsam aus, was normalerweise nicht der Fall ist – nicht einmal wenn sie auf die besten Chinesinnen trifft.

Wie erklärt man die Wandlung?

Wie lässt sich nun die Wandlung im japanischen Tischtennis erklären? Wie hat sich die traditionsreiche Tischtennisnation aus dem Schatten des 50er-Jahre Modells gelöst?

Zwischen 1985 und 1999 gelang es Japan lediglich, eine Bronzemedaille (im Herren Doppel) bei Weltmeisterschaften zu ergattern. Bei den Olympischen Spielen gab es überhaupt keine Medaille. Ein historischer Tiefpunkt für eine Nation, die es seit ihrem Durchbruch in Bombay 1952, als sie viermal Gold bei den Weltmeisterschaften gewann, gewohnt war, auf dem Siegerpodest zu stehen. Während der mageren Jahre in den 90ern wurde unter den Trainern eine hitzige Debatte darüber geführt, ob zukünftige Generationen mit Penholder oder Shakehand spielen sollten. Es war offensichtlich, dass die japanischen Spieler eine zu schwache Rückhand hatten. Könnte ein Wechsel zu Shakehand die Lösung sein?

Aber auch der zweifache ungarische Einzeleuropameister Anfang der 60iger Jahre und Trainer der Weltmeistermannschaft (Mannschaft 1979, Einzel, Doppel 1975) Ungarns, Zoltan Berczik, der als erster Europäer als Ratgeber nach Japan geholt worden war, konnte sich nicht gegen die Vertreter der alten Traditionen mit dem Gedanken von Shakehands und Rückhand Topspin durchsetzen. Obwohl die Ungarn die besten Repräsentanten des Rückhand Topspins waren, sie waren es nämlich, die diesen Schlag als Erste forciert in ihr Spiel eingebaut und damit ihre Welt- und Europameistertitel errungen haben. Berczik blieb nicht sehr lange in Japan.

Kompetenz bei den Europäern suchen

Aber nach weiteren Jahren mit Misserfolgen, speziell mit dem 13. Platz bei der Weltmeisterschaft 1991 im eigenen Land in Chiba, kamen sie erneut auf die doch kluge Idee, sich außerhalb des Inselreiches umzusehen und Kompetenz bei den zu der Zeit sehr erfolgreichen Europäern zu suchen. Genauso wie Schweden es gemacht hatte, als es den zwölffachen Weltmeister Ogimura als schwedischen Bundesstrainer engagierte – was einen ungeheuer positiven Einfluss auf das schwedische Tischtennis hatte. Die Zusammenarbeit vertiefte die persönlichen Kontakte und den Austausch zwischen den Ländern. Das führte zu einer Mischung aus professionellem, japanischem und intensiv systematischem Training und schwedischer Individualität, Selbständigkeit und Variabilität. Dies wiederum schuf einen stabilen Gewinner-Hybrid, der Schweden zu großen Erfolgen in den 60er- und ein Stück weit in den 70er-Jahren führte.

Also holte Japan in einem späten Gegenzug den schwedischen Nationaltrainer Sören Ahlén nach Japan, um die japanische Nationalmannschaft zu übernehmen.

Im Jahr 2000 wurde der Kroate Mario Amizic nach Japan geholt. Dieser suchte junge, männliche Talente und arbeitete intensiv und individuell mit ihnen. Zunächst Kishikawa und Sakamoto, später dann Mizutani, Takagiwa und andere.  Amizic nahm sie für längere Zeiten mit nach Düsseldorf, wo er ihnen sein tief gehendes Tischtenniswissen in europäischer Umgebung vermittelte. Amizic ließ die jungen Japaner schon sehr früh bei den Herren bei internationalen Meisterschaften mitspielen. Auf die Weise lernten die Spieler sehr früh, was man können muss, um gegen die Besten zu bestehen. Am Anfang waren sie chancenlos, verloren hoch und weinten. Wenn Amizic sie fragte, ob sie wieder lieber gegen Gleichaltrige spielen wollten, schüttelten sie den Kopf. Sie spielten also weiter gegen die schweren Gegner, verloren und weinten wieder. Sie lernten aber bei jedem Spiel dazu und merkten wie die Punktedifferenz immer kleiner wurde. 

Die Spieler reisten hin und her, vom Training in Düsseldorf nach Hause zum japanischen Tischtennisgymnasium. Dort gab es auch gute Trainer – vor allem den legendären Mr. Yoshida im Aomoridistrikt im Norden, zu dem unter anderen Mizutani, Fukuhara und Niwa gingen. Die Spieler bekamen auch finanzielle Unterstützung vom Verband und ihrer Tischtennismarke.

Starke Rückhand notwendig

Die große Herausforderung für Amizic war, die Japaner davon zu überzeugen, dass ihre Talente sich eine starke Rückhand zulegen mussten, wenn sie sich in der Weltelite behaupten wollten. Der Durchbruch kam, als Kishikawa drei Mal nacheinander die japanischen Gymnasialmeisterschaften gewann. ’Kishi’ spielte Shakehands und spielte genauso viel mit der Rückhand wie mit der Vorhand. Er blockte selten, zog lieber dagegen. Er hatte ein schnelles Reaktionsvermögen, spielte aggressiv über dem Tisch und hatte eine moderne Spielanlage. Er wurde zum Vorbild für junge, ehrgeizige Japaner.

In einem Interview im wichtigsten Tischtennismagazin der Welt, dem unabhängigen ’World Table Tennis’ mit 50.000 Abonnenten, wurde Amizic die Frage gestellt, was er davon halte, dass viele japanische Trainer immer noch am traditionellen japanischen Spielstil festhielten. Mario antwortete: ”Es ist Unsinn, über einen japanischen Stil zu sprechen. Tischtennis ist Tischtennis. Jeder Spieler hat seine ganz eigene Art zu spielen und Lösungen in den gegebenen Spielsituationen zu finden.” Diese Aussage in Kombination mit den beeindruckenden Resultaten seiner Talente war ein Wendepunkt. Es war der Ausgangspunkt für eine durchgreifende Modernisierung des japanischen Tischtennis. Amizic machte außerdem Schluss mit dem autoritären und distanzierten Trainerideal. Er stand seinen Spielern nahe, sowohl am Tisch als auch als Person außerhalb des Trainings. Er verteidigte sie in allen Lagen und kritisierte sie niemals öffentlich. Das schaffte ein vertrauensvolles Verhältnis, ohne dass Amizic Abstriche von seinen sehr hohen Anforderungen an Training und Wettkampf machte.

Superstar Ai-chan

Ai Fukuhara trug ebenfalls viel dazu bei, den Status von Tischtennis als Sport in Japan zu stärken. ’Ai-chan’ wurde zum Vorbild für eine ganze Reihe von Spielern, die wie sie sehr früh – mit 2, 3, 4 Jahren – angefangen hatten, Tischtennis zu trainieren. Ai-chan drückte die Altersgrenze, ab der ein Spieler Erfolge bei den Senioren erreichen kann. Sie begann mit 3 Jahren zu spielen, wurde mit 13 Japans jüngste Spielerin in der Damen Nationalmannschaft und erreichte das Viertelfinale im Einzel bei den Weltmeisterschaften als sie 14 war. Durch gezieltes Marketing bauten ihre Eltern die Marke Ai-chan auf, so dass sie – als die Medaillen langsam eintrudelten – bereits ein Superstar in Japan war und große Unternehmen als persönliche Sponsoren sie für sich als Werbeträger gewannen. Insgesamt wurden es zwei Medaillen bei Olympischen Spielen und sechs bei Weltmeisterschaften (alle Medaillen mit der Mannschaft außer einer Bronzemedaille im Mixed) bevor Ai-chan 2018 aufhörte. Sie heiratete und bekam Kinder mit einem Tischtennisspieler aus Taiwan. Das Geld floss auch nach ihrer Tischtenniskarriere unter anderem dank einer Realityshow im Fernsehen über ihr neues Familienleben weiter.

Japans U-12 Mädchen Nationalmannschaft vor NTC, National Training Center. Foto: Jens Fellke

Die Einsicht in die Notwendigkeit, früh zu anzufangen, ließ auch den japanischen Verband umdenken. Seit vielen Jahren hat man nicht nur eine Schüler- und Jugendnationalmannschaft, sondern auch Nationalmannschaften für U-12, U-10 und U-8 – ein System. Dies scheint China nun zu kopieren, statt wie bisher den Provinzen die Verantwortung  für die Entwicklung der Talente solange zu überlassen, bis es Zeit ist, die besten Spieler ins Zentrum der Nationalmannschaft in Beijing zu schicken. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Chinesen das japanische Modell beunruhigt. Die Anzahl der Spieler in der jeweiligen Jugendnationalmannschaft ist unterschiedlich, aber der Gedanke ist, zwölf Spieler jeden Geschlechts in den Kategorien U-18, U-15 und U-12 zu haben.  Das bedeutet, dass die Truppe aus 72 Spielern besteht. Sie treffen sich sieben bis acht Wochen im Jahr in dem großartigen nationalen Trainingszentrum in Tokio, das 2008 fertiggestellt wurde. Der Verband JTTA legt auch großen Wert auf die Ausbildung von Trainern. Jedes Jahr finden Konferenzen in den meisten der 47 Bezirke des Landes statt, damit die Trainer die technischen Neuerungen und die Entwicklung des Spiels an der Weltspitze mitbekommen.

Mizutani (l..) und Kishikawa. Foto: ITTF

Langsam kam Japan wieder auf den richtigen Weg. Das erste internationale Ergebnis der jungen Generation war die Goldmedaille im Doppel für Kishikawa und Mizutani bei den Weltmeisterschaften der Junioren. 2004 sicherte Fukuhara sich eine Medaille im Einzel und ihre erste Medaille bei der Weltmeisterschaft der Senioren. Seitdem hat Japan bei allen Weltmeisterschaften zwischen einer bis vier Medaillen gewonnen. Bei den letzten Olympischen Spielen waren es vier Medaillen insgesamt. Die junge Generation mit Ito, 19, und Harimoto, 16, an vorderster Front stürmt auf neue Erfolge zu – mit einer Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio als nächstes Ziel.

Offenheit

Eine Sache, die mir während meiner Woche in Tokio besonders auffiel, ist die Offenheit, die die Entwicklung der letzten 20 Jahre begleitet hat. Sie begann mit einer offenen Selbstkritik und einer Debatte um das Ausbleiben von Erfolgen. Dann folgte ein Plan zum Erreichen der notwendigen Veränderungen, und ein konkretes Handlungsprogramm wurde durchgeführt. Es fand eine Öffnung für moderne Einflüsse aus dem Ausland statt, und es wurde ein klarer Bruch mit den erfolgreichen Traditionen der Glanzzeiten der 50er Jahre akzeptiert. Man wechselte von Penholder zu Shakehand – von einem vorhanddominierten Spiel zu einem ausgeglichenen, in das sowohl Vor- als auch Rückhand integriert sind. Man arbeitete mit einer längeren Perspektive und ließ die Talente früh an internationalen Turnieren teilnehmen und gegen Senioren spielen. Man senkte das Alter, führte eine U12 Nationalmannschaft ein und erweiterte den Schüler- und Jugendbereich. Die Trainerausbildung wurde verbessert, damit die Trainer mehr über erfolgreiche Spieltechniken in Kombination mit schneller Beinarbeit lernten. Und wie man die Energie des ankommenden Balles ausnutzt und den Körper einsetzt, um mehr Kraft in den Schlag zu bekommen. Man holte Trainer aus China, um auch chinesisches Wissen in das System zu bekommen.
All das machte man, ohne seine drei traditionellen Grundpfeiler zu vernachlässigen: körperliche Fitness, Schnelligkeit und technische Perfektion. Das Ergebnis war – genau wie für Schweden am Anfang der 60er Jahre – eine gewinnende Mischung aus eigener Tradition und modernen Einflüssen der Besten, die Japan wohlgerüstet für die Zukunft dastehen lässt.

Iseki, ein Japanischer Tischtennis-Verein. Foto: Jens Fellke

Große Basis

Die Basis für das japanische Tischtenniswunder sind natürlich die hunderttausende von Menschen, die in Vereinen, Schulen und Unternehmen spielen. Die offizielle Statistik des Verbandes sagt, dass es 331.000 Tischtennisspieler in Japan gibt. Sehr, sehr viele spielen jedoch, ohne registriert zu sein. So entstand eine große Tischtennisgemeinde, die sich in mehreren Punkten von der europäischen unterscheidet: sie ist größer und hat einen höheren Status und Respekt in der Sportwelt und allgemein bei den Japanern. Vor allem verfügt sie über viel mehr private Gelder und damit finanzielle Möglichkeiten kann dadurch ihre Tischtenniskompetenz auch viel effektiver umsetzen und auf kommende Generationen übertragen. Spieler, die ihre Karriere beenden, haben gute Möglichkeiten, ihr Geld als professionelle Trainer, als Tischtennislehrer an Spezialschulen oder als Besitzer von privaten Vereinen zu verdienen. Der starke Finanzierungswille wird auf mehreren Ebenen sichtbar. Das sind private Vereine, die Spieler rekrutieren und ausbilden, bis sie zwölf Jahre alt sind. Das sind Eltern, die bezahlen und/oder das selbst tun.

Fast alle Spieler, die es bis in die Damen oder Herren Nationalmannschaft schaffen, kommen aus Tischtennisfamilien, in denen mindestens ein Elternteil selbst auf hohem oder höherem Niveau gespielt hat und die bereit sind, viel Zeit in die Betreuung und das Training ihrer eigenen Kinder zu stecken. Wenn die Kinder 13 Jahre alt sind, wählen sie und ihre Eltern ein auf Tischtennis spezialisiertes Gymnasium, an dem jeden Nachmittag nach der Schularbeit Training auf dem Programm steht. Zeigt es sich, dass das Talent außergewöhnlich ist, macht man ein ’Ai-chan’, was bedeutet, private Sponsoren in Form von größeren Unternehmen zu suchen, die die Eltern anstellen oder sie dafür bezahlen, dass sie einen Stab um den Spieler herum aufbauen können: ein kleines Unternehmen sozusagen mit Trainer, Sparringspartnern, Physiotherapeut und Psychologe. Dazu kommen die Eltern als Organisatoren mit der Verantwortung für die Logistik. Für Sponsoren außerhalb der Tischtennisszene stehen Mädchen höher im Kurs als Jungen. Deshalb ist das Ai-chan-Modell mehr unter den besten Damen als unter den besten Herren vertreten.

Wohltätigkeit

Erstaunlich ist auch, dass Sponsoren in Japan Tischtennis mit weniger Forderungen nach Profit, Gewinn für das investierte Kapitel, unterstützen. Im Allgemeinen sieht man Sponsoring als Teil von etwas Größerem, Wichtigerem. Eine Art Wohltätigkeit. Ist es möglicherweise nationaler Stolz, der Erfolge im Sport unterstützt und ermöglicht? Dass Stars wie Ito und Harimoto und die anderen als Vorbild für junge Japaner gesehen werden, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie einen sportlicheren und gesünderen Lebensstil wählen? Was Tischtennis anbelangt, so kann das sogar historische und politische Ursachen haben. Das Verhältnis zwischen Japan und China ist nicht das beste seit Japans Besatzung von großen Teilen Chinas in den 30er Jahren. Vielleicht besteht ein unbewusster, starker Drang, die Chinesen in deren eigenem Nationalsport zu besiegen. Deshalb ist es auch interessant, dass Harimoto chinesische Eltern hat und trotzdem ab und zu verlauten lässt, dass er sehr stolz darauf ist, Japaner zu sein!

Jedenfalls scheinen die privaten Vereine, Trainer, der Verband, die Zentren, die Unternehmen, die Tischtennisfamilien und die Familienunternehmen der Stars nicht nur an sich selbst zu denken. Sie sehen sich als Teil eines harmonischen größeren Ökosystems, das die gemeinsame Förderung der Talente zum Ziel hat. Es ist als ob alle ihren Beitrag zu etwas Größerem, Wichtigerem leisten wollten:

„Lasst uns gemeinsam Japan dabei unterstützen, wieder eine Großmacht im Welttischtennis zu werden.“

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