Interview mit Annett Kaufmann: „Ich spiele aus Freude, nicht für den Erfolg“

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

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„Ich spiele Tischtennis nicht wegen des Erfolgs. Ich spiele, weil es mir Spaß macht. Der Erfolg kommt und geht, aber die Freude ist immer da.“

Annett Kaufmann ist erst 15 Jahre alt, drückt sich aber sehr reif aus. Sie hat die Dinge bereits durchdacht. Annett hatte ein erstaunliches Jahr 2021 mit drei Goldmedaillen und einer Bronzemedaille bei den Jugendeuropameisterschaften, einer Goldmedaille im Einzel bei den U21-Europameisterschaften (die jüngste Gewinnerin des Turniers überhaupt) und als Mitglied der Nationalmannschaft, die bei den Mannschaftseuropameisterschaften Gold gewann.

„Gute Menschen um mich herum“, antwortet sie sofort, als ich frage, was es möglich gemacht hat. „Es ist die Familie, Freunde, mein Personal Coach Evelyn Simon: es sind Melanie (Heilemann, Personal Trainerin), Sönke (Geil, Sportdirektor des TTBW) und Lara (Broich) und Tamara (Boros) beim DTTB. Sie helfen mir nicht nur am Tisch, sondern auch sonst. Wenn ich nicht gut spiele, sind sie da und unterstützen mich. Wenn etwas nicht sofort klappt, sind sie da, um mir zu verstehen zu geben, dass ich nicht geduldig genug bin.“

Es klingt wie eine Großfamilie, ein Zusammenschluss mit einer Mischung aus Fähigkeiten, Erfahrungen und Menschlichkeit, in der sich Annett als Mensch und als Tischtennisspielerin entwickelt und entfaltet. Und irgendwie ist es auch eine Großfamilie, die sich meist in Böblingen vor den Toren Stuttgarts trifft, dem Ort, an dem das Tischtennisgeschehen stattfindet. Annett gehört auch zur Bundesligamannschaft der SV Böblingen, die in dieser Saison Fünfter wurde.

„Ich fühle mich wohl in dieser Gruppe. Sie sind offen und ich kann ehrlich sein. Ich muss meine Persönlichkeit nicht ändern. So ein Vertrauen ist wichtig, um sich zu verbessern.“


Gab es etwas Besonderes, das du in der letzten Saison trainiert hast, das zu den außergewöhnlichen Leistungen geführt hat, die du erzielt hast?

„Nein, nicht wirklich. Es war eine Kombination aus vielen kleinen Dingen. Ich habe mich sicher gefühlt, wenn ich den Gegenläuferaufschlag wie Timo Boll gemacht habe; auch den Tomahawk von Ding Ning, mit dem viele meiner Gegnerinnen beim Rückschlag große Probleme hatten. Ich habe viel an der kleinen Beinarbeit in verschiedenen Kombinationen trainiert, z.B. bei einem kurzen Ball am Netz und dem nächsten schnell auf den Ellbogen – und dann weit raus in die Vorhand. Wechsel von Vorhand zu Rückhand, mit den Knien tiefer stehen, mehr mit dem Handgelenk arbeiten, mehr Kraft des Körpers in den Ball bringen. Solche Dinge.“

Annett in Action bei einem Lehrgang in Böblingen. Foto: Stiftung compass

Und deine Erwartungen für 2022?

„Ich hatte keine Erwartungen für 2021 und ich habe auch keine für 2022. Ich mag keine Erwartungen. Ich möchte nicht enttäuscht werden, wenn ich sie nicht erfülle. Erwartungen bedeutet, dass ich dieses oder jenes erreichen will. Und damit entsteht Druck. Deshalb ziehe ich es vor, die Siege als Bonus zu betrachten. Ich konzentriere mich auf mich selbst und darauf, mein Spiel zu verbessern. Ich vergleiche mich nicht.“


Du warst im Herbst 2019 in Japan und hast dort trainiert. Welche Erfahrungen hast du dort gemacht?

„Dass sie viele sehr gute Spieler haben. Sie trainieren sehr viel, an manchen Tagen acht Stunden, während ich normalerweise zwei bis drei Stunden trainiere. Sie sind extrem strukturiert und systematisiert – ich mache mehr, was ich für das Beste halte. Im Allgemeinen machen die Japaner am Tisch nicht viele Fehler. Aber sie sind auch irgendwie berechenbar. Mein Gefühl war deshalb, dass alles möglich ist. Ich habe mein Spiel und versuche, es durchzusetzen und die Ballwechsel zu dominieren. Wenn das nicht gelingt, versuche ich, ihr Spiel zu brechen, es zu zerstören.Wie Truls Moregardh. Er spielt nicht wie die meisten Spieler. Er denkt kreativ im Spiel, um die Punkte zu gewinnen.“


Ein leidenschaftliches Vorbild. Ding Ning nach dem Gewinn der Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2016. Foto: WTT

Hast du ein Vorbild?

Ja. Ding Ning. Normalerweise kenne ich nicht viele chinesische Spieler, die Emotionen zeigen, vor allem negative. Man kann ja nicht immer äußerlich nachvollziehen, was sie fühlen. Aber Ding Ning tat es. Sie zeigte ihre Freude, sie zeigte ihren Kampfgeist, ihre Leidenschaft für das Spiel. Wie sehr sie gewinnen wollte. Und außerdem ist sie eine Linkshänderin wie ich. Und ziemlich groß.


Mehr Informationen zu Annett hier auf ihrem Instagram Kanal


— Teil 2 des Interviews mit Annett Kaufmann erscheint in Kürze —

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