Gauzy – kontinuierliches Training und eine neue Rückhand

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

Es ist Februar 2021 und in drei Tagen betritt Simon Gauzy ein Flugzeug nach Qatar. Dort wird er beim WTT Middle East Hub teilnehmen und zwei Turniere spielen, das WTT Contender und WTT Star Contender Turnier in Doha. Er hat gerade die Rückmeldung bekommen, dass sein letzter Corona-Test, wie die vielen anderen Tests, die er das ganze letzte Jahr gemacht hat, negativ ausgefallen ist. Morgen wird er erneut einen Test machen, da er ohne einen negativen Test, der nicht älter als 72 Stunden sein darf, keine Freigabe für die Reisen bekommen würde.

Simon Gauzy. Foto: Jens Fellke

„Ich bin so heiss auf das Turnier“ sagt Gauzy am Telefon, zu Hause in Ochsenhausen. „Ich kann kaum darauf warten wieder einen internationalen Wettkampf zu spielen. Ok, es wird wieder einen neuen Corona-Test in Qatar und zusätzlich eine Quarantäne von 48 Stunden geben, bevor wir mit dem Training anfangen dürfen. Ich habe aber kein Problem damit, eine Weile alleine zu sein und alleine zu essen. Ich lese viel und habe auch extra ein paar Bücher gekauft, die ich mitnehmen werde. Normal lese ich Thriller oder Sport Biographien, aber da wir dabei sind, unser eigenes Haus zu bauen, lese ich gerade viel darüber. Außerdem versuche ich, mich zum Thema Finanzinvestments etwas weiterzubilden.“

Seine Stimme klingt etwas aufgeregt, aber das offenbart wohl auch die aktuelle Lebenslage des 26-jährigen Franzosen. Tischtennis, sich ein eigenes Heim bauen, Erspartes für die Zukunft gewinnbringend anlegen.

„Als vor fast einem Jahr alles unterbrochen wurde, spielte ich eines meiner besten Turniere überhaupt“ fuhr Simon fort. „Das war auch in Qatar. Ich habe Groth und Calderano 4:1 geschlagen und schaffte es bis ins Viertelfinale, wo ich gegen Xu Xin 3:4 verlor.“
Die Pandemie kam also zu einem wirklich ungünstigen Zeitpunkt für ihn. Die Unterbrechung war für ihn auch eine Unterbrechung einer Phase, in der er gerade dabei war, viele Ranking Punkte zu holen und in der Weltrangliste nach oben zu klettern.
„Nach Qatar war es wirklich ein verrücktes Jahr. Ich finde vor allem den Gedanken, dass dieser Zustand zum Normalzustand werden könnte, ziemlich beängstigend.“

Spass in der Trainingshalle. Foto: Jens Fellke

Kontinuität
Die ersten zwei Monate des Lockdowns mit den dazugehörigen Einschränkungen waren für Simon nach seinem Empfinden ok. Weltweit und auch national war die Pandemie natürlich eine tragische Katastrophe, für ihn persönlich brachte sie aber auch ein paar positive Seiten mit sich.

„Es war eine lange Zeit, wo nicht gereist wurde. Mein Training wurde nicht von Turnieren oder Spielen unterbrochen. Ich konnte in Ochsenhausen ganz normal trainieren, da die Halle Privatbesitz ist. Zu Beginn trainierte ich zweimal täglich. Aber als die Entscheidung fiel, dass die Olympischen Spiele verschoben werden, verlor ich etwas die Motivation und reduzierte das Training auf einmal pro Tag für eine längere Zeit.“

Und Simon Gauzy konnte nicht nur ohne Unterbrechungen für eine längere Zeit trainieren, sondern über diesen Zeitraum auch mit seiner Partnerin und seinem zwei Jahre alten Sohn zusammen sein.
„Es war toll, jeden Tag mit meiner Familie zusammen sein zu können, das alltägliche Leben mit ihnen zu verbringen und sich auch die Verantwortung für den Haushalt aufzuteilen. Ich war da, als mein Sohn seine ersten Schritte machte, was ich ohne die Pandemie ziemlich sicher verpasst hätte. Ich und meine Partnerin realisierten, dass es wohl das erste Mal in zehn Jahren war, dass wir 30 Tage am Stück im selben Bett geschlafen haben.“ 

Aber nach ca. zwei Monaten wurden diese schönen, neuen Dinge im Privatleben von der Realität eingeholt und es kam die Einsicht, dass die Pandemie nicht nur das Privatleben, sondern wohl auch das Leben ausserhalb noch für längere Zeit einschränken wird.
„Ich sehnte mich danach, wieder reisen, internationale Wettkämpfe spielen und meine Eltern, Geschwister und Freunde sehen zu dürfen – wieder frei zu sein ohne irgendwelche Angst.“

Rückhand – Gauzys neue Waffe. Foto: ITTF

Eine neue Rückhand
Am Tisch hatte Simon während der mehr oder weniger ununterbrochenen Trainingsperiode nur eine Sache im Kopf: er wollte seine Rückhand verbessern.

„Es ist offensichtlich, dass die Rückhand immer entscheidender wird. Der Plastikball lässt weniger Rotation zu, wodurch es für den Gegner einfacher ist, bei Bällen in die Vorhand direkt mit harten Schlägen zu punkten. Der hohe Stellenwert der Rückhand wird dadurch unterstrichen, dass alle Europäischen Spieler, die in den letzten Jahren eine hohe Weltranglistenposition erreicht haben, eine sehr gute Rückhand haben – durchaus aber auf unterschiedliche Art und Weise. Falcks Stärke sind die cleveren Tempowechsel, Pitchford hat seine parallele Rückhand, Calderano hat seine Schlaghärte.“

„Ich habe das womöglich etwas spät realisiert, aber irgendwie hatte ich auch nicht das Selbstvertrauen, dass ich meine Rückhand zu einer richtigen Waffe machen könnte. Ich habe andere Vorteile in meinem Spiel, Aufschlag/Rückschlag, meine Vorhand, mein Handgelenk, mein Ballgefühl und ein paar ungewöhnliche Schläge, die meine Gegner verwirren. Aber ich habe jetzt einfach verstanden, dass ich es ohne eine starke Rückhand nie bis ganz oben schaffen werde.“

Simon dachte also während der Pandemie jeden Tag an seine Rückhand. Er dachte an sie vor, während und nach dem Training. Er redete sehr viel mit seinen Trainern über seine Rückhand. Er arbeitete und arbeitete: Abstand zum Ball, Technik, die kleinen Bewegungen für einen perfekten Balltreffpunkt und um Stabilität im Schlag zu haben, auch wenn er härter spielen will. Er machte große Fortschritte. „Ich war immer ganz gut darin, den Ball mit der Rückhand einfach nur auf den Tisch zu spielen. Was ich brauchte war aber das Selbstvertrauen, auch mit der Rückhand direkt Druck auf meinen Gegner ausüben zu können. Bisher hatten sie keine Angst, mir den Ball in meine Rückhand zu spielen, weshalb ich natürlich sehr viele Bälle dorthin bekam. Und tatsächlich glaube ich jetzt, dass ich mich hier stark verbessert habe. Ich bin ehrlich gesagt sogar etwas überrascht, dass ich jetzt daran glaube – im Gegensatz zu vorher – dass ich durchaus in der Lage bin, mir ein starkes Rückhandspiel aufzubauen.“

Letztes Jahr konnte Simon viel Zeit mit seinem Sohn verbringen. Foto: privat

Was wirklich zählt
Am Telefon hörte man plötzlich im Hintergrund eine sehr piepsige Stimme. Der zweijährige Sohn kam und versuchte die Aufmerksamkeit seines Vaters, der gerade mit einem Telefon redete, zu bekommen. Es war Zeit ins Bett zu gehen, zu kuscheln und für eine Gute-Nacht-Geschichte – und deshalb auch der Zeitpunkt, um das Interview zu beenden.

Mit 24 Jahren wurdest du Vater. Welchen Einfluss hatte das auf dich als Privatperson, aber auch als Profisportler?

„Es war natürlich fantastisch, zu Beginn habe ich aber auch etwas Druck verspürt. Als er geboren wurde, war ich gerade in der schwierigsten Phase meiner Tischtenniskarriere. Ich hatte ein paar Probleme mit Verletzungen und war auch in der Weltrangliste gefallen. Ich verlor mein Selbstvertrauen und war auch etwas besorgt wegen meines Einkommens aufgrund der schlechten Ergebnisse. 
Da Tischtennis mein Beruf ist, hatte ich Angst, dass diese negative Spirale immer weiter gehen könnte. Ich befürchtete, dass ich ihm nicht das Leben bieten kann, das ich ihm gerne bieten würde. Ich hatte Angst, kein guter Vater zu sein. 
Ich sprach viel mit meiner Partnerin darüber und habe durch die Gespräche wieder Selbstvertrauen in meiner neuen Rolle als Vater gewonnen. Ich war ziemlich jung und diese Situation half mir, schneller erwachsen zu werden, reifer zu werden.“

„Als ich es als Spieler wieder nach oben geschafft hatte und aus meiner Sicht zusätzlich auch ein guter Vater war, war ich ziemlich stolz auf mich. Ein Leben sowohl mit Tischtennis als auch Familie gibt mir sehr viel. Es ist völlig egal, ob ich gerade von den Weltmeisterschaften, wo ich Xu Xin geschlagen habe, nach Hause komme oder gerade gegen irgendeinen schlechtplatzierten Spieler verloren habe und mich schlecht fühle. Es interessiert meinen Sohn nicht bzw. er weiß davon ja gar nichts. Er begrüßt mich immer mit einem Lächeln voller Liebe. Obwohl ich natürlich immer noch ein starkes Bedürfnis habe, ein besserer Spieler zu werden, wird durch meinen Sohn alles relativiert und ich betrachte das Ganze aus einer anderen Perspektive!“

Mit 18 Jahren kam Simon Gauzy nach Ochsenhausen. Für ihn scheint sich das Motto an der Wand der Halle zwar schon erfüllt zu haben, dennoch strebt er immer noch danach, weiter nach oben zu fliegen. Foto: Jens Fellke

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