Flavien Coton – eine Familienangelegenheit mit Vision

Jochen LeissAktuelles, Portrait, Spielerportrait1 Comment

Mit 3 Jahren fing er mit Tischtennis an. „Weil mein Bruder Adrien, Mutter Carole, Vater Xavier und mein Patenonkel spielten. Der Vereinsvorsitzender, zufällig mein Großvater, war auch sehr wichtig, der hat uns immer die Halle aufgeschlossen, wenn wir spielen wollten“ meint Flavien ruhig. Acht Jahre später gehörte er in seinem Jahrgang zu den beiden besten Spielern Europas. 

Französischer Meister in der U-12 Klasse (Einzel und Doppel) wurde er 2019 als gerade 11-jähriger. Eine imponierende Leistung, wenn man bedenkt, dass es in Frankreich sehr viele gute junge Spieler aufgrund einer hervorragenden Talentsichtung und -förderung gibt.

Die ersten nationalen Einzeltitel. Foto: privat

Aber nicht zuletzt durch den zweiten Platz bei den inoffiziellen Europameisterschaften für 11- und 12-jährige, den Euro Mini Champs in Straßburg 2019, hat Flavien auf sich aufmerksam gemacht. Wo er in diesem Jahr steht, weiß er aufgrund der Corona Krise nicht. Aber trainiert hat er – mehr und besser denn je.

Seine positive Entwicklung ist die Ursache dafür, dass er sich z. Zt. zum wiederholten Male bei einem Trainingsaufenthalt in Ochsenhausen (OX) befindet, diesmal 14 Tage. Hier meint man, dass Flavien großes Potential besitzt und will ihm helfen, dieses zu realisieren. Und später am besten auch für OX zu kämpfen. 

Flavien mit der Nr. 6 der Welt und seinem großen Bruder Adrien in OX. Foto: privat

Bekanntlich reicht es nicht aus, TT spielende Eltern, Bruder und Verwandte zu haben, um in jungen Jahren in Europa vorn zu sein. Wie ist Flavien also dort hingelangt, wie fing alles an?

Baby Ping

Seine Erklärungen:
Flavien‘s Mutter Carole hat von 2010 bis 2013 das französische „Baby Ping Projekt“ in Bruille geleitet. Dies ist ein vor 12 Jahren gestartetes Programm des Französischen Tischtennis Verbandes (FFTT), bei dem man 4-6-jährige Kinder zum Tischtennis in Schule und Verein einlädt oder Tips gibt, wie man zu Hause beginnen kann. 15.000 Schläger und 45.000 Bälle wurden den Teilnehmern zur Verfügung gestellt. Einen davon bekam Flavien von seiner Mutter, für die es eine Selbstverständlichkeit war, ihren 3-jährigen zu diesen TT-Einführungsstunden 5x pro Woche mitzunehmen.  

So wurde es für Flavien ganz normal, jeden Tag mit dem kleinen weißen Ball zu spielen. Und genau das liebt er: Spielen mit einem Ball. Er fing auch an, mit Gleichaltrigen Fußball zu spielen. Aber Tischtennis machte ihm viel mehr Spaß so dass er nur eine sehr kurze Fußballkarriere hatte. „Im Tischtennis entscheidet man selbst über Sieg oder Niederlage, im Fussball kann man gewinnen, obwohl man schlecht gespielt hat – oder umgekehrt“ erklärt Flavien seine Vorliebe für Tischtennis. Und weiter, „es ist ein strategischer Sport, in dem Taktik sehr wichtig ist, was mir sehr gefällt. Computerspiele sind nicht sein „Ding“.

Fussball spielt er nur ab und zu zum Spaß mit Freunden. Und im Garten.

Jeden Sommer macht die Familie Urlaub an der französischen Südküste. Foto: privat

Nach unserer Ankunft bei der Tischtennisfamilie Coton in Masny, einem Dorf ungefähr 25 km von der belgischen Grenze und 40 km südlich von Lille gelegen, steht zunächst Spielen auf dem Programm. Fußball im Garten, d.h. Torwandschiessen auf die im Tor links und rechts oben angebrachten Felder. Mit rückwärts Rotation geworfene Münzen auf einer Glasplatte zum Liegen bringen – und Kickern. Flavien hat schnelle Hände beim Tischfußballspiel und trifft, häufig (s. Clip mit Michel Blondel unten)! Wir werden umgehend zum Mitspielen aufgefordert. Da passt es ausgezeichnet, dass sein Bruder Adrien, 2,5 Jahre älter als er, genauso ein Spieler ist und die beiden lieben es, um alles Mögliche zu konkurrieren.

Klarer Sieg für Flavien gegen den OX-Sportdirektor Michel Blondel. Foto: J. Leiss

Nach der Baby Ping Zeit, mit 5 Jahren, spielte er täglich ca. 1,5 Stunden mit den anderen Kindern im Verein, auch wenn die meisten schon zwischen 10-14 Jahre alt waren.
Mit 7 Jahren spielte er 2-2,5 Stunden täglich mit seinem Vater und anderen Erwachsenen beim Vereinstraining. 

Detection Program
Sein Vater hatte dem Landestrainer der Region, Christophe Delory, empfohlen, sich Flavien anzuschauen, als er 8 war. Dieser reagierte sofort, begann regelmäßig mit ihm zweimal pro Woche zu spielen und schickte ihn zum nationalen Sichtungslehrgang. Seitdem befindet er sich im System des FFTT, das trotz der französischen ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘ Kultur es wagt, einzelne Spieler, die besonders hoffnungsvoll erscheinen, speziell zu fördern.
Bis er 10 war, trainierte er 2-3 Stunden an allen Wochentagen, Turniere am Wochenende kamen zusätzlich. 

Ein 5-jähriger Flavien, sehr glücklich mit den „Großen“ spielen zu dürfen. Adrien in der Mitte. Foto: privat

Regionales Trainingscenter
Mit 11 Jahren begann er im CREPS (Center Regional für physische und sportliche Ausbildung) in Wattignies, 35 km von zu Hause entfernt. Neun solcher Sportinternate gibt es über das ganze Land verteilt in Frankreich. Hier arbeiten Sport (nicht nur Tischtennis) und Schule Hand in Hand! Ein Traum? Lehrer und Trainer sprechen miteinander, sie koordinieren gemeinsam die Ausbildung und das Training und die Wettkämpfe für den einzelnen Schüler/Sportler!

Mit Harimoto beim Lehrgang im Nationalen Traininscenter in Tokio. Foto: privat

Seine Trainingsmenge erhöhte sich im CREPS auf 15-16 Stunden pro Woche. Heute sind es 20 Trainingsstunden, davon 3 Stunden physisches Training plus Wettkämpfe jedes Wochenende, in nicht Corona Zeiten. „Aber Flavien ist eigentlich nur zwei Wochen im Monat zu Hause, ansonsten immer bei Lehrgängen und Wettkämpfen“, wirft Mutter Carole ein. Er nimmt an vielen nationalen und internationalen Maßnahmen, wie z.B. Aufenthalte in Ochsenhausen und in Japan, teil. Wenn möglich begleitet Alice Joneau, sein Personal Coach, ihn bei Lehrgängen und Wettkämpfen. Sie ist auch die Trainerin für die Trainingsgruppe und Flavien im CREPS. Allerdings gibt es eine offizielle Vereinbarung zwischen dem Landesverband und dem FFTT, die besagt, dass ein Teil ihrer Aufgaben in der speziellen Förderung von Flavien besteht.

Im CREPS hat er z.Zt. sehr gute Trainingspartner, nicht nur seinen Bruder Adrien, der immer noch der „Chef“ in der Familie ist, sondern auch Spieler, die in der französischen Rangliste bei den Herren relativ hoch platziert sind. Dafür sorgt Personal Coach Alice.
Neben seinem Hobby Fußball steht für Flavien am Sportgymnasium Landhockey auf dem Stundenplan. Eine alternative Mannschaftssportart in der von den „Staubsaugern“ (Spitzname der Hockeyspieler) ebenfalls gute Beinarbeit, Auge-Hand Koordination, Ballgefühl und Teamarbeit gefordert ist. 

Mit seinem Verein CTT Bruille spielt Flavien in der ‚National 2‘, der vierthöchsten Liga in Frankreich. „Nicht der grösste Erfolg, aber eines meiner allerbesten Tischtenniserlebnisse war der Sieg unserer Mannschaft im entscheidenden Spiel um den Aufstieg,“ erzählt Flavien. Den hatte er vor zwei Jahren zusammen mit seinem Vater Xavier und seinem Patenonkel schwer erkämpft!

Flavien Coton. Foto: EMC

Seine Vision, sein Traum? „Goldmedaille bei Olympischen Spielen. Wenn nicht, auf jeden Fall Top 20 in der Welt.“ 

Was sagt nun Flavien‘s Personal Coach, Alice Joneau, dazu und über ihren Schützling? Sie ist erst seit einem Jahr der Coach von Flavien. „Am Anfang war ich von seiner professionellen Einstellung überrascht, er war ja erst 11 Jahre alt. Er stellt hohe Ansprüche an sich selbst, aber auch an seine Umgebung. Man muss ihn nie auffordern, dies oder jenes zu tun. Er weiß, was gefordert ist, wenn man richtig gut werden will. Auch Dinge, die vielleicht nicht ganz so viel Spaß machen. Außerdem lernt er sehr schnell, und kann gut zuhören.“ Alice ist beeindruckt von ihrem Schützling.

„Vom Spielerischen her ist er schon ziemlich komplett, seine Rückhand ist sein bester Schlag. Alles muss natürlich noch weiterentwickelt werden, aber die Voraussetzungen sind sehr gut. Er kann sich im Spiel gut neuen Situationen und Gegnern anpassen, ist kein extrovertierter Spieler wie Harimoto, er behält die Ruhe, spielt clever.“
Die beiden verstehen sich gut, vertrauen und respektieren einander. „Top 10 in der Welt könnte schon ein Ziel für ihn sein,“ meint Alice.

Wenn sie irgendwelche Fragen zur Weltrangliste, Meisterschaftsresultaten oder irgendeinem Spieler hat, sucht sie die Antwort nicht im Internet – sie fragt Flavien, der alles im Kopf hat. Aber dies gilt nicht nur für Tischtennis, sondern auch für fast alle anderen Sportarten. „Er ist mein Sport-Google, wenn er in der Nähe ist,“ sagt sie lachend.

In OX ist er aber diesmal allein, 14 Tage. Er trainiert mit z.B. Rossi, Kubik, Manuel Prohaska, oder Bogdan Pugna, der zuvor in Frankreich in einem Landesverband als Trainer tätig war, macht Balleimer Training mit ihm. „Er trainiert konzentriert und auf hohem Niveau,“ berichtet OX‘ Sportdirektor Michel Blondel. „Es ist wichtig, sich frühzeitig an das Spiel der Erwachsenen anzupassen. Das gelingt ihm schon recht gut.“

Flavien will nach oben. Zusammen mit seinen Eltern, Alice Joneau und der Region Le Nord, seinen Lehrern, seinem Athletiktrainer, dem Französischen Tischtennisverband mit U-15 Trainer Emannuel Rachez, OX und Donic unterstützt die Stiftung compass sein Vorhaben. In einigen Jahren wird man sehen, ob es gelungen ist.

Mit Flavien Coton, seinen Eltern Carole und Xavier und Alice Joneau sprach Jochen Leiss.

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