Ein ungewöhnliches Talent

Jens FellkePortrait, Spielerportrait1 Comment

Mit Talent meint man oft ein elegantes Spiel und ein ausgeprägtes Ballgefühl. Aber das Wort bedeutet mehr als das: Die Fähigkeit hart trainieren zu können, physische Stärke und Effektivität. Diese Eigenschaften haben Benedikt Duda zu einem dauerhaften Top-50-Spieler in der Welt gemacht. Jetzt hat der 26-jährige aus Bergneustadt durch ein Spezialtraining für sein Gehirn, seine Augen und seine Atmung höhere Ziele in den Blick genommen!

’Ich bin selbstsicherer. Ich bewerte nicht mehr, ordne das was passiert nicht in gut und schlecht ein. Ich denke ganz einfach.‘  Benedikt Duda erklärt dies als Ergebnis seines mentalen Trainings. Foto: Holger Straede/ITTF

Für Benedikt ’Benne’ Duda war das Tischtennisleben nie leicht. Als er für die Aufnahme in die deutsche Jugendnationalmannschaft zur Debatte stand, wurde er immer wieder abgewählt. Zu wenig ausgefeilte Technik meinten die Verantwortlichen. Zu wenig Koordination von Körper und Schlagbewegung. Nicht genügend Talent. Zuhause am Küchentisch fanden viele emotional geladene Gespräche statt – einerseits mit den tischtennisspielenden Eltern, aber in erster Linie mit Evelyn Simon, jetzt compass-Trainerin, die damals für den WTTV arbeitete und früh Dudas Potenzial entdeckt hatte. „Nach jeder Enttäuschung sagte Evelyn, dass ich offenbar nicht zu den Bevorzugten gehöre“, berichtet Duda per Handy aus dem Krafttrainingsraum im Trainingscenter des Deutschen Tischtennisbundes in Düsseldorf.

„Da blieb nur ein Weg: mehr und härter zu trainieren als die Anderen und Ergebnisse zu erzielen, die die Skeptiker zwingen würden, mich mitzunehmen. Diese Einsicht hat meine Einstellung zum Tischtennis tief geprägt und tut das immer noch.“

Benedikt Duda, rechts, und sein Bruder Frederik gewannen
das Zweier-Mannschaftsturnier bei den Kids Open 2006
in Düsseldorf. Foto: Heinz Duda

Einmalig effektiv
Wenn die Anderen also sechs-sieben Einheiten in der Woche trainierten, trainierte ’Benne’ zehn. Wenn die Anderen zweieinhalb Stunden pro Einheit trainierten, trainierte er dreieinhalb. Wenn die Anderen schliefen, stand er auf und verbesserte seine Aufschläge. „Seine Fähigkeit, effektiv zu trainieren, war einmalig“, erinnert sich Evelyn Simon. „Jeder Ballwechsel war ihm wichtig. Er wusste genau, was er von jeder Übung erwartete. Er wurde besser und besser mit jeder Einheit.“

Evelyn Simon. Foto: Jens Fellke

„Evelyn war streng“, sagt Duda. „Sie gab nicht auf, bevor ich etwas richtig machte. Ihre Methode war, mich ständig vor neue Herausforderungen zu stellen, was mich motivierte, diese auch zu bewältigen. Ich erinnere mich besonders an eine Übung, die wir tausende Male machten: sie spielte kurzen Aufschlag, ich ebenfalls kurz zurück, sie wieder kurz, ich kurz zurück – und dann plötzlich platzierte sie einen langen Ball quer über den ganzen Tisch. Ich ging zurück und zog einen Loop – dann war freies Spiel bis ich einen Fehler machte.“

Kurz- kurz, eine Stärke von Benedikt Duda. Foto: Holger Straede/ITTF

2010 kam man bei den Nominierungen nicht mehr an Benedikt Duda vorbei. Er gewann das wichtige nationale Ranglistenturnier ’Top 48’ und in der Auswahl zur Jugend-EM im Jahr darauf war er dabei. In seinem JEM-Debut spielte er keine besondere Rolle als Deutschland die Mannschaftsmeisterschaft gewann. Dann gewann er eine Medaille im Mixed.

Durchbruch in Hyderabad
Ende 2012 wurde die Jugend-WM in Hyderabad in Indien ausgetragen. ’Benne’ kämpfte sich im Einzel durch, lag gegen den Polen Kulpa 1-3 und 3-7 zurück und überstand 7-8 Matchbälle, bevor er den Entscheidungssatz mit 15-13 für sich entschied. Gegen den Japaner Machi im Achtelfinale war es genauso ausgeglichen. Fünf gerettete Matchbälle bevor Duda mit seinem zweiten Matchball das Spiel für sich entschied. Innerhalb von 15 Monaten hatte er sich vom Bankdrücker in der Jugendnationalmannschaft zu einem der beiden Europäer im Viertelfinale im Einzel bei der JWM entwickelt.

Auf dem Weg ins Viertelfinale bei der Jugend-WM, Hyderabad 2012. Foto: Rémy Gros/ITTF

„Einer der Hauptgründe hierfür war, dass ich in einer auf Sport ausgerichteten Schule angefangen hatte und erreichte, dass Evelyn und ich zwei zusätzliche Morgeneinheiten Balleimertraining machen konnten. Das beschleunigte meine Entwicklung. Ich steigerte das Krafttraining und merkte, dass ich stärker als meine Konkurrenten wurde. Ich bekam einen kräftigeren Körper und schaffte es dadurch, mit höherer Intensität zu trainieren.“

Intensiv und effektiv. Foto: Holger Straede/ITTF

Hartes Training in Düsseldorf
Platz acht in der Welt in seiner Altersklasse machte Lust auf mehr. Seine Eltern waren skeptisch gegenüber der Entscheidung, Profi zu werden. Nach Hyderabad waren sie leichter zu überzeugen. Sofort nach Abschluss der Schule zog ’Benne’ ins DTTZ, das Zentrum des DTTB in Düsseldorf, in einem ernsthaften Versuch, sich langfristig von seinem Sport zu ernähren. Mit Betonung auf ernsthaft. Dort stellt er nämlich seinen Wecker auf 5.50 Uhr. Aufschlagtraining und eine Extraeinheit Balleimertraining mit einem Trainer, den Duda aus eigener Tasche bezahlt. Dann kommen die anderen Nationalmannschaftsspieler zum üblichen Gruppentraining. Nach dem Mittagessen mehr Aufschlagtraining vor dem normalen Gruppentraining. Wenn das obligatorische Krafttraining vorbei ist, bleibt ’Benne’ noch, um weiterzumachen.

„Ich bin ein hungriger Typ, der Titel gewinnen möchte. Ich will mein Potenzial maximieren. Mal sehen, wie sich das in Resultaten niederschlagen wird. Wenn ich eines Tages aufhöre, werde ich jedenfalls wissen, dass ich alles dafür getan habe, um so gut zu werden wie ich geworden bin.“

Die Vorhand ist seine Waffe. Foto: Holger Straede/ITTF

58 Ranglistenplätze in drei Monaten
Auch kleine Fortschritte mit kleinen täglichen Verbesserungen führen manchmal zu einem schnellen Aufstieg in der Weltrangliste. Im Herbst 2016 verbesserte sich Duda innerhalb von drei Monaten von Platz 101 auf Platz 43. In diesem Bereich hat er sich seitdem bewegt mit einer Bestnotierung als Fünfunddreißigster im Juli 2018.

„Es hat lange gedauert, ein etablierter Top-50-Spieler zu werden. Das erfordert eine ganz andere Konstanz im Spiel. Die Schwächen, die man hat, muss man ausmerzen, da man viel eingehender von den Gegnern und deren Trainern analysiert wird. Ich habe viel daran gearbeitet, meinen Vorhand-Flip und meine Rückhand-Eröffnung zu verbessern.
Mein Spiel wird immer kompakter. Ich mache immer weniger Fehler. Ich werde mental immer stärker. Es fühlt sich so an, als sei ich bereit für weitere Schritte nach vorn, wenn alles wieder in Gang kommt.“

Außerhalb des Schemas
Sein Potenzial voll auszuschöpfen bedeutet für Duda nicht nur eisenhartes Training am Tisch, sondern auch ganz allgemein einen eigenen Weg zu finden. Da das Training viel Energie kostet, isst er öfter als normal, dafür aber kleinere Portionen. Seit 2016 verbessert er seine Reaktionsschnelligkeit, indem er das Auffassungsvermögen seiner Augen trainiert. In Köln, eine halbe Stunde mit dem Zug von Düsseldorf entfernt, ist er Teil einer Gruppe, die unter wissenschaftlicher Leitung die Schnelligkeit der Koordination von Auge, Hand und Beinen trainiert. Das geschieht anhand verschiedener Laborexperimente und Übungen, die er zuhause durchführen kann. „Dank des Augentrainings fühle ich mich am Tisch weniger gestresst. Meine Reaktionen sind schneller und ich gewinne Zeit.“

Benedikt Duda, unten rechts, ist ein sehr loyaler Mensch. Kontinuität ist wichtig für ihn. Er spielt noch in TTC Schwalbe Bergneustadt, wo er mit zehn Jahre angefangen hatte, Tischtennis zu spielen. Die ganze Familie Duda ist engagiert im Verein, der in der Bundesliga spielt. Hier mit den Fans nach einem Spiel gegen Bremen. Foto: Heinz Duda

Im Kopf
Das im Tischtennis unbegreiflicherweise unterschätzte mentale Training ist eine Selbstverständlichkeit in ’Bennes’ Alltag. Er sagt einsichtsvoll, dass das Gehirn alles steuert. Also muss es auch trainiert werden, um für ’Bennes’ individuelle Bedürfnisse am Tisch besser zu werden.
„Das Gehirntraining macht mich ruhiger und entspannter. Früher konnte ich damit Probleme bekommen, dass sich während eines Spiels negative Gedanken im Kopf festsetzten, was dazu führte, dass ich an mir selbst und meinem Spiel zweifelte. Durch das Training meines Gehirns habe ich gelernt, die negativen Gedanken zu erkennen. Ich merke, wenn sie auftreten.“
Der Trick ist, sich nicht gegen sie zu wehren und einen inneren Kampf zu beginnen.
„Stattdessen akzeptiere ich die auftauchenden negativen Gedanken. Das ist dann ok. Dann verschwinden sie und ich kann mich wieder auf das Spiel konzentrieren.“

Fighting spirit bei den German Open. Foto: Holger Straede

Was ist mit Gefühlen? Was macht Benedikt Duda, wenn negative Gefühle auftauchen und ihm Angst machen?
„Dann durchbreche ich deren Wirksamkeit mit einer speziellen Atemtechnik, die ich eingeübt habe. Das kann ich vor oder während des Spiels machen, im Time-out oder wenn ich mein Handtuch hole und mich abtrockne.“
Und zu was führt dieses Training von Augen, Gehirn und Atmung?
„Ich bin jetzt ein ruhigerer und mehr entspannt im Spiel. Ich habe weniger negative Gedanken vor und während des Spiels. Wenn sie doch auftreten, betrachte ich sie nur. Dadurch verlieren sie ihre Kraft. Das Ergebnis ist, dass ich mehr im Hier und Jetzt bin. Das macht, dass ich mutiger werde, mich besser bewege und meine Bewegungen schneller koordiniere.“


„Ich bin selbstsicherer. Ich bewerte nicht mehr, ordne das was passiert nicht in gut und schlecht ein. Ich denkeganz einfach. Unabhängig davon wie das Spiel steht. Gewinne ich, bin ich dankbar für das Gefühl, das der Sieg gibt. 6Verliere ich, bin ich dankbar für die Erkenntnisse, die der Verlust mit sich bringt.“

Das hört sich nach einer beinahe buddhistischen Verhaltensweise am Tisch an. Ein freies und tiefes Sein. Demut. Ein tiefes Verständnis für das, was für denjenigen notwendig ist, der eine Medaille bei den Olympischen Spielen gewinnen will.
„Ich tue alles, um mein Maximum zu erreichen. Dahin komme ich nicht, wenn ich nur zwei Einheiten am Tag trainiere, und dann noch ein bisschen Krafttraining.“

One Comment on “Ein ungewöhnliches Talent”

  1. Sehr interessanter Einblick in die Gefühls-und Gedankenwelt eines Profis. Zumal man auch als Amateur einige wichtige Aspekte für sein eigenes Spiel daraus ableiten kann. Gerne mehr davon

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