Ehrlichkeit und Fürsorge ist das Konzept von Mirsad Fazlic

Jens FellkePortrait, TrainerportraitLeave a Comment

Mirsad Fazlic ist einer von vielen mit jugoslawischer Herkunft, die das deutsche Tischtennis bereichert haben. Der 53-jährige schleswig-holsteinische Landestrainer verliebte sich bereits im Alter von sieben Jahren in den Tischtennissport, zunächst als Spieler und in seiner Jugend auch als lizenzierter Trainer in seinem Verein Sarajevo Bosna sowie im slowenischen Verband.

Mirsad Fazlic, ein leidenschaftlicher Trainer, der für die Region Schleswig-Holstein verantwortlich ist. Hier gibt er seine Erfahrung auch an junge compass Talente weiter. Foto: Privat

1994, während des Balkankrieges, ging Mirsad nach Montenegro, wo seine Freundin lebte. Das Paar wurde später Ehemann und Ehefrau und hat heute zwei erwachsene Töchter.

„Montenegro lag nicht direkt im Kriegsgebiet und war daher sicherer. Aber es war trotzdem nicht das Beste, dort als Bosnier zu leben, und nach einiger Zeit sagte mir die Polizei, sie könne meine Sicherheit nicht garantieren. Das habe ich so gedeutet, dass ich in Gefahr war.“

Also flüchtete Mirsad über das Mittelmeer, eine dramatische Reise, und über Italien landete er in Schwarzenbek, einer Stadt mit 20 000 Einwohnern, etwa 30 Kilometer von Hamburg entfernt. Er begann als stundenweise bezahlter Trainer in einigen Vereinen, wurde aber bald vom Landesverband fest angestellt. Nach einiger Zeit kam seine Frau nach. Die beiden Töchter, jetzt in den Zwanzigern, sind beide Tischtennisspielerinnen und lizenzierte Trainerinnen, die ihrem Vater ab und zu beim Landeskadertraining helfen.


Der Tag der Talente

Mirsad ist auch Teil des compass Netzwerks, denn er hat zwei Talente gescoutet, die jetzt von der Stiftung unterstützt werden – Luke Jalass, geboren 2010, und Eduard Kardon, geboren 2014.

„Einmal im Jahr organisiert der Landesverband die „Tage der Talente“ – eine Veranstaltung, an der mehr als 100 Kinder teilnehmen, und bei einer Gelegenheit sah ich Luke Jalass. Er war damals 6 Jahre alt, ich habe den Vater direkt nach dem Turnier angerufen und gesagt, dass ich Lukas in seiner Entwicklung helfen und unterstützen möchte. So hat er schon mit 6 Jahren im Zentrum in Schwarzenbek angefangen und mit 9 Jahren hat er ein nationales Turnier in seiner Altersklasse gewonnen. Es war also die richtige Entscheidung. Für die großen Talente muss man Abkürzungen finden, um einen Impuls für die Weiterentwicklung zu bekommen.“


Den kleinen Bruder geschnappt

Lukas Jalass trainiert jetzt 6-7 Mal pro Woche – 4-5 Mal mit Mirsad, entweder einzeln oder in der Gruppe – und ein Mal mit compass Expertentrainer Oliver Alke, der in Hamburg lebt.

Bei Eduard Kardon war der Anfang anders:
„Er kam mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester, die im Zentrum trainierte, in die Halle. Nach einiger Zeit habe ich ihn gefragt, ob er auch mal im Zentrum spielen möchte. Danach kam compass mit Jochen Leiss und Oliver Alke zu Besuch, und beide sahen Potenzial in dem Jungen.“


Vertrauenswürdigkeit

Mirsad Fazlics eigene Trainingsphilosophie basiert in erster Linie auf Vertrauenswürdigkeit.

„Ein Trainer muss ehrlich sein. Man soll loben, wenn ein Spieler etwas gut macht, aber auch kritisieren, wenn nicht. Ich glaube, viele Trainer haben Angst, offen zu sagen, was schlecht ist. Im Allgemeinen denke ich, dass zu viel Wert auf Harmonie gelegt wird. Harmonie ist normalerweise perfekt und etwas, wonach man streben sollte, aber nicht, wenn es darum geht, Talente zu Spitzenspielern zu machen. Dann muss man ehrlich sein und den Spieler wissen lassen, was geändert werden muss.“

Glückliche Talente und ihr Trainer. Von links Jonas Kamin, Mirsad und Luke Jalass. Foto: Privat

Vertrauen und Fürsorge

Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Vertrauen und die Fürsorge.

„Ich kümmere mich um den Spieler/die Spielerin auch außerhalb der Trainingshalle, ich helfe bei Hausaufgaben oder Problemen in der Schule. Ich bin da. Aber immer noch mit ein bisschen Abstand. Ich glaube nicht daran, dass man der beste Freund seiner Schützlinge werden sollte.“

Und als weitere wichtige Eigenschaften sollte ein Trainer so viel Leidenschaft mitbringen, dass er in der Lage ist, den Funken für Tischtennis im Spieler zu entfachen. Außerdem sollte ein Trainer die Fähigkeit haben, hart arbeiten zu können, auch in die Halle gehen und Balleimer spielen zu können, selbst wenn es zu Hause mal Konflikte geben sollte.

„Es ist extrem wichtig, dass sehr gute Trainer mit einer Leidenschaft für Tischtennis von klein auf mit den Talenten arbeiten und spielen. So bekommen die Talente die Chance, einen kompetenten Menschen mit dieser Leidenschaft kennenzulernen, um diese dann auch selbst zu entdecken. Ich denke, es ist ein Problem, dass nicht mehr erfahrene und gute Trainer mit jungen Spielern arbeiten. Ich verstehe auch nicht wirklich, warum. Es macht viel mehr Spaß, junge Kinder zu trainieren. Man kann sie noch viel mehr formen als einen Star.

Ich glaube auch, dass China diesen Fehler nicht macht. Die chinesischen Talente erfahren von Anfang an Betreuung und Coaching auf höchstem Niveau, was sich dann auf ihrer weiteren Karriere durchzieht.“


Am Tisch

Und dann am Tisch. Was ist das Wichtigste, worauf man beim Training junger Talente achten muss?

„Zuerst die Grundstellung am Tisch und die Art und Weise, wie man den Schläger hält, müssen perfekt sein. Danach die richtige Technik erlernen – und viel Beinarbeit, um am Tisch schnell zu werden. Dann der Wechsel zwischen Rückhand und Vorhand. Man muss den Schläger oben halten, um einen guten Balltreffpunkt zu bekommen. Danach kommen die Antizipation sowie der Wille bzw. die Ausdauer, über eine lange Zeit hart zu arbeiten.“

Aber als Trainer muss man auch ein Talent dafür haben, bestimmte Momente zu erkennen. Man muss improvisieren können und spontan sein. So wie Mirsad, der plötzlich einen Reim aufsagt, um seinen sechsjährigen Schüler dazu zu bringen, noch mehr Bälle auf den Tisch zu spielen, ohne einen Fehler zu machen:

„Eins, zwei – Osterei, drei-vier – Trampeltier, fünf sechs – alte Hex, sieben acht – gute Nacht, neun zehn – Auf Wiedersehn.

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