Die Sensation der WM in Budapest

Jens FellkeAktuelles

Mattias Falck nach dem verwandelten Matchball gegen An Jaehyun im Halbfinale der Weltmeisterschaften 2019 in Budapest. Foto: Remy Gros/ITTF

Zum ersten Mal seit 2003 standen sich im Herreneinzel Finale der TT-Weltmeisterschaften nicht zwei Chinesen gegenüber! Der Schwede Mattias Falck brach in die chinesische Hegemonie ein und kämpfte gegen Titelverteidiger Ma Long um die Goldmedaille in Budapest im April 2019.

Bei über 40 Millionen Fernsehzuschauern allein in China war es kein Wunder, dass Mattias von dem Ereignis geprägt war, als er sein allererstes großes internationales Finale spielte.“
In den ersten beiden Sätzen war ich sehr nervös”, sagte Mattias Falck kurze Zeit nach der Sensation von Budapest. Aber dann plötzlich erreicht Falck das gleiche Niveau wie zuvor im Viertelfinale gegen den Franzosen Gauzy und den Koreaner Lee Sangsu unter den letzten 16. Kaum noch Fehler, aggressiv, den ganzen Körper in seine wuchtigen Vorhandschüsse legend, kann er Ma Long überraschen, der nicht schnell genug ist, um selbst zu agieren. Falck reißt den 3. Satz an sich und fährt im 4. Satz mit seinen Kanonaden von VH und RH fort.

„Ma Long hat keine Schwächen und ist ein Meister der Variation des Spiels.“

Mattias Falck erreichte das Finale nach Siegen über Adam Saudi, Robert Gardos, Tiago Apolonia, Lee Sangsu, Simon Gauzy (links oben) und An Jaehyun (links unten). Am Ende konnte nur Ma Long die schwedische Sensation stoppen. Fotos: Remy Gros/ITTF

Ma Long scheint verdutzt zu sein. In diesem 4. Satz führt Falck 9-7, er zieht einmal, dann schiesst er in die VH von Ma Long. Der Chinese antwortet jedesmal mit VH Topspins und als Falck zum zweiten Mal schießt, in die Mitte des Tisches, berührt der Ball gerade eben die Netzkante und geht ins Aus. 9-8 anstatt 10-7, möglicherweise verschwand hier die Möglichkeit, das Finale am Leben zu halten.
“Ma Long ist ein phantastischer Spieler“, sagt Mattias. „Er hat keine Schwächen und ist ein Meister der Variation des Spiels. Am Ende des entscheidenden 4. Satzes kam er mit anderen Auf- und Rückschlägen als er bis dahin gespielt hatte. Aber ich glaube, wenn ich zum 2-2 hätte ausgleichen können, wäre das Spiel offen gewesen.
Mattias hat mit 4 Jahren angefangen, mit seinem Vater Tischtennis zu spielen, jedoch nur VH. Er hatte am Anfang keine Lust RH, seine stärkste Waffe seitdem er in die internationale Spitze vorgedrungen ist, zu spielen. Als Sechsjähriger wurde Mattias Mitglied im TT-Verein Lyckeby. Die Familie wohnte in Karlskrona, einer alten Hafenstadt ganz im Südosten von Schweden. 

Zu diesem Zeitpunkt war dieser Verein einer der am besten entwickelten Clubs in Schweden. Er hatte fest angestellte Trainer, eine Mannschaft in der höchsten Liga – und eine Reihe von Spielern mit sehr unterschiedlicher Spielweise, oft mit langen oder kurzen Noppen auf einer oder beiden Seiten des Schlägers. Mattias entwickelte sich langsam aber sicher und mit 13 hatte er Matchball in der U-13 Klasse bei den Schwedischen Meisterschaften, verlor aber gegen Mattias Oversjö. 
„Ich war am Boden zerstört. Nach der Niederlage schlug mein Trainer, Hans Thalin, eine grundlegende Änderung in meiner Spielweise vor.“ Er argumentierte: „Dein VH- Topspin hat weder genug Geschwindigkeit noch genug Spin. Andererseits ist dein VH-Schuss sehr entspannt und hart. Dein Blockspiel ist sehr gut, warum gehst du nicht zu Noppen auf der VH über, um deinen VH-Schuss zu einer noch stärkeren Waffe zu machen? Mattias dachte, dass dies eine vernünftige Idee war. Er stimmte zu es auszuprobieren und gewann prompt das erste Turnier danach. Er war überzeugt.

„Es dauerte einige Zeit bis ich zu meinem eigenen Spiel fand

Die Nichtnominierung zu den Schülereuropameisterschaften in diesem Jahr gab Mattias einen Motivationsschub. Statt fünf fing er an sieben bis acht Trainingseinheiten pro Woche zu trainieren und hatte sehr häufig Einzeltraining mit Marcus Sjöberg, der später Bundestrainer für Schweden und England wurde. 

Sjöberg ist der Meinung, dass Mattias sich schnell entwickelte. „Ich kenne keinen Spieler, der so gut trainiert wie Mattias. Er ist extrem genau mit Details und analysiert stets seine Trainingseinheiten. Er ist ein TT-Nerd. Deshalb wird er sich stets weiterentwickeln.

Höhere Quantität, Intensität und Qualität machten sich bald bezahlt. Schon mit 15 holte er sich seinen ersten Titel bei den Schwedischen Jugendmeisterschaften. Er gewann den Titel auch in den beiden folgenden Jahren und ist damit der einzige Jugendliche in Schweden, der dreimal hintereinander U-17 Meister wurde, und in diese Statistik sind auch Waldner und Persson einbegriffen.

Mit 15 zog Mattias um: ins schwedische Tischtennis Internat nach Köping, 100 km von Stockholm und ganze 500 km von zu Hause entfernt. Nach dem Schulabschluss führten ihn seine Ambitionen nach Halmstad an der Westküste Schwedens, wo der 5-malige Weltmeister Jörgen Persson aufgewachsen war. Der frühere Weltmeister im Herrendoppel, „Tickan“ Carlsson, war dort Trainer. 

„Tickan war intensiv und ehrgeizig und brachte mich an meine Grenzen. Das war ich nicht gewohnt, niemand hatte mich bis dahin in dieser Art gefordert. Wir diskutierten und argumentierten sehr viel über mein Spiel und hatten am Anfang einige Meinungsverschiedenheiten.“

Aber Mattias fand es phantastisch mit einem so energischen und fordernden Trainer diskutieren zu können. 
Er verstand jetzt viel besser, worum es sich bei Training und Entwicklung handelt. Carlsson glaubte stark an Mattias‘ Potential als Spieler, vielleicht sogar mehr als Mattias selbst. 

Jedenfalls verbesserte Mattias seine Art, sich am Tisch zu bewegen. Er spielte aggressiver. Er wurde schneller. Er wurde zu viel mehr physischem Training gedrängt, so dass er besser die Angriffe der Gegner parieren und selbst härter spielen konnte. „Aber es dauerte einige Zeit bis ich zu meinem eigenen Spiel fand.“

Die ersten Jahre auf internationalem Parkett waren schwierig. 2011, 20 Jahre alt und rund Nr. 130 in der Weltrangliste (WR), nahm Mattias an seinen ersten Weltmeisterschaften teil. Alles sah positiv aus, aber anstatt auf der Rangliste nach oben zu klettern, ging es steil bergab.

An seinem tiefsten Punkt war Mattias rund Nr. 300. „Ich war viel verletzt, konnte nicht kontinuierlich trainieren. Und 2013 hatte ich einen Bruch im Fuß und musste operiert werden. Und ausserdem schaffte ich es nicht, die gewünschten Änderungen in meinem Spiel hinzubekommen. Anfang 2014 war Mattias Nr. 263 in der WR, ein Jahr später 160. Im Herbst 2015 durchbrach er die Top 100. Einen reellen Durchbruch schaffte er bei den Swedish Open, als er sowohl K. Niwa und D. Ovtcharov auf dem Weg ins Finale schlug.

Jörgen Persson, nachdem er Mattias Falck während der WM betreut hatte: „Mattias ist mental sehr stark. Er bekommt keine Panik, sondern hält sich an die Taktik, egal wie es steht.
Foto: Remy Gros/ITTF

„Jörgen hatte gemeint, daß der VH-Topspin viel zu langsam und ungefährlich gegen die Besten in der Welt sei“

2018 führte Mattias das schwedische Team an, das bei den Weltmeisterschaften in Halmstad Bronze gewann! Seit Januar 2019 ist Jörgen Persson im Verband angestellt, um das schwedische Team weiterzuentwickeln und deshalb hatte er eine Vielzahl von Trainingseinheiten mit Mattias.

Falcks stark verbesserte Kurznoppen-Vorhand überraschte seine Gegner in Budapest. Foto: Remy Gros/ITTF

„Das Wichtigste für mich war, meinen Vorhand Angriff gegen Unterschnitt zu verbessern. Jörgen hatte gemeint, daß der viel zu langsam und ungefährlich gegen die Besten in der Welt war“
Die Vorgaben waren klar: Mattias sollte den Ball früher treffen, seinen Unterarm mehr beschleunigen, flacher übers Netz spielen – und den Ball weiter hinten auf des Gegners Tischhälfte platzieren. „Anfang 2019 spielte ich miserabel. Ich machte zu viele Fehler. Aber ich gab meinen Plan nicht auf und in Qatar, direkt vor den Weltmeisterschaften in Budapest, schlug ich Harimoto. Im Halbfinale verlor ich ganz knapp gegen Lin Gaoyuan. Da fühlte ich, daß mein Spiel stimmte. Und ich glaube, daß meine Gegner in Budapest überrascht waren, daß ich mit den Noppen so hart spielen konnte, wenn sie den Ball weit raus in meine Vorhandseite spielten.“ Und heute ist Mattias Vizeweltmeister.