Die Kunst, das Herz zu öffnen

Jens FellkeAktuelles, Portrait, TrainerportraitLeave a Comment

Seit dem ersten November 2020 arbeitet Evelyn Simon Vollzeit für compass, der Stiftung mit der Mission, europäische Talente zu unterstützen, damit sie es in die Top 10 der Weltrangliste schaffen können.
„Es ist großartig, sich ohne anderweitige Verpflichtungen komplett auf die langfristige Entwicklung und das Umfeld eines Spielers bzw. einer Spielerin konzentrieren zu können“, sagte Evelyn nach sechs Monaten bei compass.

Evelyn Simon ist vor kurzem erst zurück in die Gegend in Nordrhein-Westfalen gezogen, in der sie als Kind und Jugendliche aufgewachsen ist. Sie lebt nun zwischen Köln und Bonn. Im Hintergrund höre ich ein Bellen durch das Telefon. Es ist Jeronimo, ein zehn Wochen alter Schafspudel, der Aufmerksamkeit sucht. Der kleine, süße Hund musste allerdings ein bis zwei Stunden warten, bis er diese Aufmerksamkeit bekam. Seine Besitzerin musste zuerst über andere reden, die auch sehr jung sind und in ihrer Entwicklung unterstützt und geleitet werden müssen, damit sie ihr volles Potential entwickeln können – aber am Tischtennistisch. 

Weniger in der Halle jetzt

Als Landestrainer in Baden-Württemberg hat Evelyn unter dem Sportdirektor Sönke Geil gearbeitet, der ihr viel Freiraum in der Gestaltung ihrer täglichen Arbeit einräumte. 

„Ich hatte neun tolle Jahre, aber ein Landesverband hat seine Strukturen und Aufgaben, die er erfüllen muss. Manchmal sind bestimmte Ziele von zentraler Bedeutung für den Verband, aber nicht notwendigerweise für einen Spieler, der es in die Weltspitze schaffen will.“

Bei compass arbeitet sie weniger in der Halle. Ihre Verantwortung liegt darin, SpielerInnen zu scouten und danach sicherzustellen, dass die Entwicklung der gewählten Talente entsprechend auf die hohen Erwartungen und Ziele ausgerichtet ist.
„Über die Jahre habe ich realisiert wie wichtig das Umfeld um den Spieler herum ist. Deshalb umfasst meine Arbeit jetzt alle möglichen Bereiche, alles von der Unterstützung der Familie eines Talents und des Heimtrainers, technische Fragen, Besorgen von passenden Trainingspartnern, kurz- und langfristige Planung, Treffen mit der Schule oder den Landesverbänden bzw. mit dem DTTB. Meine Aufgabe ist es, ein friedliches und fruchtbares Umfeld für den Spieler zu schaffen – damit sie oder er sich auf ihre/seine Verbesserung und Entwicklung am Tisch konzentrieren kann, ganz ohne Stress und Reibereien von außen.“

Annett und Josephina

Zwei Mädchen unter den compass SpielerInnen, auf die Evelyn ihren Fokus gelegt hat, sind Josephina Neumann, geboren 2010, und Annett Kaufmann, geboren 2006. Beides sind Talente, die schon sehr früh auf höchstem nationalem Niveau gespielt haben, auch im Vergleich mit Mädchen, die bereits zwei bis drei Jahre älter waren. 
„Beide haben die volle Unterstützung ihrer Familie und beide haben eine sehr emotionale Herangehensweise an den Sport. Sie sind sehr ambitioniert und bereit, unglaublich hart zu kämpfen, um zu gewinnen. Die Zusammenarbeit mit Neumanns und mit Josis Trainer Tobias Beck in Hessen hat erst begonnen. Es wird sehr spannend.“

Mit Annett arbeitet Evelyn bereits seit vielen Jahren. Mit großem Erfolg. Annett ist die erste compass Spielerin, die anfängt Top 100 Spielerinnen der Erwachsenenweltrangliste zu schlagen. Vor kurzem hat die 14-Jährige in der Bundesliga Petrissa Solja, die Nummer 20 der Weltrangliste, geschlagen.

Enge Zusammenarbeit. Evelyn und Annett Kaufmann. Foto: Jens Fellke

Wie würdest du deine Arbeit mit Annett beschreiben?

„Mein Ansatz in der Halle ist immer, mich selbst zu hinterfragen: was können wir aus jeder einzelnen Einheit herausholen? Als ich täglich mit Annett trainiert habe, haben wir uns im Training auf besonders „schwierige“ Dinge nur dann konzentriert, wenn Annett 100% fokussiert und bereit ins Training kam. Das konnte mal für eine ganze Einheit funktionieren, aber oft konnte sie dieses maximale Level auch nicht durchhalten. Dann habe ich auch Dinge gewechselt, damit man sie so gut es geht wieder an die 100% bekam. Hierfür habe ich Annett dann für eine Weile Dinge machen lassen, von denen ich wusste, dass sie ihr gefallen und die ihr neue Energie bringen, wie z.B. Flippen, Rückhand-Kick oder Rückschläge.“

„Wenn wir Beinarbeit trainiert haben und ich das Gefühl hatte, dass Annett anfängt, die Übung langweilig zu finden, habe ich diese auch häufig gewechselt bzw. zusätzliche Herausforderungen eingebaut. Dadurch hat man die monotone Stimmung bei einer „langweiligen“ Übung durch Freude und Neugier ersetzt. Letztendlich hat sie dann aber trotzdem die ganze Zeit Beinarbeit trainiert.

Ich habe viel Aufmerksamkeit darauf gerichtet, etwas über ihren inneren Fokus und innere Energie herauszufinden. Natürlich hatte ich immer sowohl einen kurz-, als auch einen langfristigen Plan für ihre Entwicklung. Aber während einzelner Trainingsmomente habe ich diesen auch entsprechend angepasst, je nachdem, wie ich ihre aktuelle Konzentration und Situation am Tisch eingeordnet habe.“

„Grundsätzlich denke ich, dass es ein natürlicher Teil bzw. Pflicht in der Trainerarbeit ist, das Training so zu verpacken, dass es das Kind motiviert. Ich glaube nicht, dass man einem Kind vorwerfen kann, nicht motiviert zu ist. Kinder sind motiviert! Es ist eine Frage wie man es verpackt, damit man das Interesse hervorruft, mehr vom Spiel zu entdecken, in jedem einzelnen Moment.“

Ehrlichkeit

Sich um dieses Problem nicht zu kümmern, kann zu großen Problemen führen, meint Evelyn Simon. Die Spieler bemerken alles und interpretieren es. Bewusst oder unbewusst. Falls ein Trainer Enttäuschung zeigt, wird der Spieler das wahrnehmen und sich dann ebenso enttäuscht und auch schuldig fühlen. Falls der Trainer sehr hohe Erwartungen hat und das offen zeigt, was dann aber nicht erfüllt wird, wird sich auch beim Spieler Enttäuschung und sogar Unzufriedenheit einstellen. Dann droht sogar das Risiko, dass die Lust und Motivation verloren geht. Und dann ist das Ende nah. Der Spieler hört auf zu spielen.

„Mein Weg das zu verhindern, ist, mein Herz zu öffnen. Dem Spieler ehrlich zu zeigen, wer ich tatsächlich bin. Sie haben mich glücklich, aber auch tief betrübt und frustriert erlebt. Ich bin in meiner Seele erreichbar. Ich zeige ihnen, dass ich auch nur ein Mensch bin. Bei mir brauchen sie nicht schauspielern. Sie können genau so sein, wie sie tatsächlich sind. Ich denke diese tiefgründige Beziehung ist die Voraussetzung, sowohl das in der Persönlichkeit des Spielers vorhandene Potential als auch das spielerische Potential voll auszuschöpfen.“

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