Die Entwicklung des Tischtennissports, Teil 2 von 2

Jens FellkeAktuelles, Fakten, ResultateLeave a Comment

Weiterentwicklungen im Tischtennis sind das Resultat von ständiger Interaktion zwischen den Leistungen von Spielerinnen, den Produkten der Hersteller und den Regeln des internationalen Verbandes, ITTF. Wie wir sehen werden, hatte aber auch der Zufall großen Einfluss auf die Entwicklung des Spiels.

Herren Weltmeister-Mannschaft 1979 – Ungarn.

Der schwedische Erfolg Anfang der 70-ger Jahre inspirierte andere Europäer, speziell die Ungarn mit Jonyer, Klampar und Gergely, aber auch die Jugoslawen Surbek und Stipancic. Diese trugen zur Entwicklung des Spiels bei, indem sie mit den neuen synthetischen Belägen nicht nur mit der Vorhand, sondern auch mit der Rückhand schnelle Topspins zogen. Damit kamen die Asiaten nicht zurecht. Der Topspin aus der Rückhand zwang diese ins passive Spiel. Jonyer wurde Einzelweltmeister 1975 und vier Jahre später schockte Ungarn die Chinesen, indem sie sie relativ einfach im Mannschaftsfinale der Weltmeisterschaft besiegten und auch das Herrendoppel ging mit Surbek und Stipancic an europäische Spieler. 

Frischkleben
Der Grund dafür waren aber nicht nur die Topspins, sondern auch eine neue Erfindung, eine Walter-Frisch-ähnliche Zufallsentdeckung mit einem nahezu ähnlich revolutionären Effekt. Tibor Klampar war der Entdecker. Als er relativ schlecht trainierte und spielte, riss er einen Belag von seinem Schläger und klebte einen neuen Belag auf sein Holz. Als er weiter schlecht spielte riss er auch den neuen Belag wieder vom Holz und benutzte wieder seinen alten Belag.„Ich bemerkte, dass ich mit meinem ursprünglichen Belag viel mehr Tempo und Rotation in den Schlägen hatte. Ich verstand, dass es etwas mit dem Kleber zu tun haben müsse und so begann ich, vor jedem Training und jedem Spiel meinen Belag frisch auf das Holz zu kleben. Die Verbesserung meines Spiels war unglaublich. Ich konnte Schläge spielen, die ich davor nie spielen konnte.“

Wie eine Feder zwischen den Molekülen
Indem sie das Frischkleben als Geheimnis hüteten, hatten die Chinesen keine Chance gegen die starken ungarischen Topspins, ausgeführt mit sehr langen und kräftigen Armbewegungen. Was war passiert? Wie kam es zu dieser Sensation? Dr. Georg Nicklas, Gründer der Marke Donic, ebenso Gründer und Inhaber des weltweit führenden, deutschen Belagherstellers ESN, erklärte in dem Buch „Point of no return“:

”Auf seinem Weg durch den Schwamm und das Obergummi verschafft sich das Lösungsmittel Raum, gleichmäßig in alle Richtungen. Es wirkt wie eine Feder zwischen den Molekülen des Gummis, der gedehnt wird. Der Gummi wird vorgespannt und überträgt beim Ballkontakt mehr Energie auf den Ball. Das ist die Ursache dafür, dass sich durch einen frischgeklebten Belag Spin und Tempo erhöhen.
Wenn sich die Moleküle des Gummis spannen, dehnt sich der Belag aus und wird grösser und weicher. Das Gefühl für den Aufprall des Balles wird verstärkt. Die Kombination von erhöhter Rotation und mehr Gefühl bewirkt, dass man einen schnelleren Topspin ziehen kann und sich gleichzeitig sicher fühlen kann.”

Sehr früh den Ball treffen
Die langen Bewegungen der Ungarn ermöglichten zwar starke Topspins, hatten allerdings auch ein großes Problem. Sie brauchten viel Zeit, um diese auszuführen. Wie gegen die Japaner in den 50er Jahren, passten die Chinesen ihren Stil an, um die Schwächen der (bisher) dominierenden Gegner auszunutzen und sich einen Vorteil daraus zu verschaffen. So begannen die Chinesen konsequenter den Ball sehr früh nach dem Aufsprung zu treffen, spätestens am höchsten Punkt in der Flugphase des Balles. 1981 trafen die beiden Nationen im Finale der Weltmeisterschaft wieder aufeinander. Diesmal gewann China, vor allem dadurch, dass sie durch den frühen Balltreffpunkt das Spiel sehr schnell machten, womit die Ungarn mit ihren langen, zeitintensiven Schlagbewegungen nicht zurechtkamen. 

Weltmeisterschaft Dortmund 1989. Nach einem sensationellen 5-0 Sieg gegen China im Endspiel hat Schweden den Chinesen die Spitzenposition in der Welt entrissen.

Nachteil für die Chinesen
Aber die Ungarn hatten den schwachen Punkt des traditionellen Chinesischen Spielsystems enthüllt. Gegen ein starkes, beidseitiges Topspinsspiel konnten die Chinesen nicht länger mit der Rückhand einfach nur fest Schupfen und dann mit der Vorhand angreifen. Sie hatten nicht genug Zeit innerhalb eines Ballwechsels, um ihr Spielsystem umzusetzen.

Die Schweden, die nach dem Bekanntwerden ebenfalls begannen frischzukleben, nutzten die Erkenntnisse, die das starke Rückhand-Spiel der Ungarn gegen die zu die schwache Penholder- Rückhand der Chinesen gebracht hatten, aus. Der Unterschied war jedoch, dass sie das Spiel schneller machten, etwas näher am Tisch standen mit kürzeren Schlagbewegungen als die Ungarn agierten. Und sie variierten Tempo, Spin und Platzierung! Da die besten Chinesen zu dieser Zeit immer noch mit Noppen außen Belägen spielten, konnten sie nicht den Vorteil des Frischklebens ausnutzen und wurden auf ihrer Rückhand festgenagelt. Mit der konnten sie zwar den Ball aggressiv stoßen, hatten aber große Schwierigkeiten, selbst Tempo damit zu machen. 

…und Jan-Ove Waldner hat Jörgen Persson im Einzel-Finale geschlagen. Foto: Noboru Konno

Dadurch gewannen Persson, Waldner, Appelgren, Lindh, Karlsson die meisten Titel ab Ende der 80er bis in die Mitte der 90er Jahre. Doch dann schlug China an zwei Fronten gleichzeitig zurück. Unglaublich, dass sie es schafften, ihr Spiel weiterzuentwickeln, indem sie anfingen, mit der Rückhandseite ihres Schlägers zu spielen, obwohl sie aufgrund ihrer Penholder Haltung mehrere Finger auf dieser Seite hatten. Zuvor spielten alle Penholder-Spieler nur mit der Vorhandseite. Zusätzlich gingen sie immer häufiger von Noppenbelägen auf griffige Beläge auf beiden Seiten über.

Kong Linghui, hier gegen Waldner im Olympia-Finale 2000, das Kong gewann. Er spielte mit Shakehands-/leichtem Rückhand-Griff, und zwei unterschiedlichen Belägen auf dem Schläger – ein Wendepunkt. Die Chinesen haben danach Kongs Spiel-Stil weiterentwickelt und sind seitdem fast unschlagbar. Foto: Noboru Konno

Kong Linghui – der Wendepunkt
Viel wichtiger war jedoch, dass die Chinesen die Schwächen, die der Penholder Griff mit sich brachte, erkannten und eingestanden und schweren Herzens ihr tief verwurzeltes traditionelles Spielsystem verließen. Sie bildeten sehr schnell junge Spieler mit europäischer Shakehand Schlägerhaltung aus und entwickelten das beidseitige Spiel so gut weiter, dass sie bald den Europäern keine Chance mehr ließen. Um die Rückhand in diesem System zu verbessern bzw. sicherer zu machen, wechselten sie von dem in Europa üblichen Vorhandgriff zu einem leichten Rückhand Griff. Zusätzlich benutzten sie dann auch japanische bzw. europäische Beläge auf der Rückhand, gepaart mit den klebrigen, chinesischen Belägen auf der Vorhand, welche vor allem Vorteile im Aufschlag-/Rückschlagspiel bringen, da die Griffigkeit hilft, den Ball kurz zu halten. Insgesamt formte China so einen noch schlagkräftigeren und kompletteren Shakehand Spieler, als es jeder europäische Spieler zuvor war, Generation um Generation mit individuellen Besonderheiten, aber immer mit derselben Basis im Spielsystem – Kong Linghui, Wang Liqin, Zhang Jike, Ma Long, Fan Zhendong.  

Wie und wer wird dieses extrem erfolgreiche chinesische System jemals anfechten können? Aktuell hält China den Weltmeistertitel der Männer ununterbrochen seit zwanzig Jahren – die längste „Titelverteidigung“ der Tischtennisgeschichte. An diesen Rekord kommt nur das chinesische Damenteam heran, welches ihren Titel zwar „nur“ acht Mal am Stück verteidigte, aber andererseits den Titel insgesamt nur zwei Mal in den letzten 45 Jahren nicht gewann. Die Männer verpassten die Goldmedaille fünf Mal in diesem Zeitraum – vier Mal ging Gold an Schweden und einmal an Ungarn.

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