Die Entwicklung des Tischtennissports, Teil 1 von 2

Jens FellkeAktuellesLeave a Comment

Weiterentwicklungen im Tischtennis sind das Resultat von ständiger Interaktion zwischen den Leistungen von Spielerinnen, den Produkten der Hersteller und den Regeln des internationalen Verbandes, ITTF. Wie wir sehen werden, hatte aber auch der Zufall großen Einfluss auf die Entwicklung des Spiels.

Vor der Weltmeisterschaft (WM) in Wien 1951 fand der Österreicher Waldemar Fritsch ein 3mm dickes gummi-ähnliches Material in seinem Keller. Er klebte es auf seinen Schläger und bemerkte, dass der Ball katapultartig vom Schläger sprang. Verglichen mit den Noppengummischlägern, die zu dieser Zeit benutzt wurden, konnte Herr Fritsch unglaublich schnelle Bälle spielen. Im Teamwettbewerb blieb er ungeschlagen, aber der Vorteil durch seine revolutionäre Erfindung war nicht groß genug, um die weltbesten Spieler, die natürlich noch mit dem traditionellen Material spielten, im Einzelwettbewerb zu besiegen.

Hiroji Satoh. Einzel-Weltmeister 1952

Ein Jahr später benutzte der Japaner Satoh einen weiter entwickelten Schwamm und gewann damit die Goldmedaille im Einzelwettbewerb der Männer in Bombay. Das Maß an Geschwindigkeit und Rotation, die dem Ball mit diesem Material verliehen werden konnte, war erstaunlich, besonders offensive Schläge waren mit diesem neuen Material einfacher zu spielen. Dies brachte auch einige Herausforderungen für die SpielerInnen mit sich, die selbst gezwungen waren, schneller zu werden, um mit den Folgen der Materialentwicklungen zurechtzukommen und auch um selbst die maximalen Vorteile des Materials herausholen zu können. Blitzartig benötigte man einen starken Körper, schnelle Beine und gut ausgebildete offensive Techniken, um den Punkt z.B. mit einem Schuss beenden zu können. Die Japaner bewältigten dieses neue Paradigma am besten. Mit intensivem Training (etwa sieben Stunden pro Tag), hoben sie den Sport, der dadurch früher als viele andere Sportarten hoch professionell wurde, auf ein neues Level.

Die Japaner dominierten die 1950er, wobei zum Ende des Jahrzehnts zum ersten Mal China, mit Rong Guotuan, sich einen Titel im Einzelwettbewerb der Männer sicherte. Im selben Jahr, 1959, entschied die ITTF, die Dicke der Beläge auf 4mm je Seite zu standardisieren, um einer Vielzahl an verschieden aussehenden Schlägern entgegenzuwirken. Diese Regel führte im weiteren Verlauf dazu, bei der Produktion der Beläge eine Schicht aus Schwamm und eine zusätzliche obere Schicht zu benutzen, um den Effekt der Beläge zu optimieren. Mehr als 60 Jahre später ist diese Regel immer
noch gültig, ebenso der zweischichte Aufbau, der auch aktuell noch die Grundlage der heute produzierten Beläge ist.


China ist Japan überlegen
Während der ersten Hälfte der 1960er Jahre war China den Japanern überlegen, so wie diese es im Jahrzehnt zuvor waren. Im Männerbereich vor allem dadurch, dass sie auch aus der Rückhand sehr stark waren und dadurch ihr Spielsystem insgesamt einfach kompletter war als das der Japaner. Als China aufgrund ihrer Kulturrevolution nicht an den Weltmeisterschaften 1967 und 1969 teilnahm, kam Japan kurzfristig wieder ganz oben auf den Thron, bedingt auch durch ihre Einführung des Vorhand Topspins, der eine technische Innovation darstellte, ermöglicht durch mehr Reibung auf den Obergummis. Bei diesen sogenannten „backside rubbers“ wurden die Noppen sozusagen nach innen gedreht, was zu einer glatten/ebenen Oberfläche führte. Eine größere Reibung zwischen dem Obergummi des Belages und dem Ball eröffnete die Möglichkeit, mehr Rotation zu erzeugen, was einer der wichtigsten Beiträge zur Entwicklung im Tischtennis darstellt.

Der schnelle Stellan Bengtsson
Bei den Weltmeisterschaften in Nagoya 1971 benutzte der Schwede Stellan Bengtsson einen neuen Belag namens Mark V. Dieser Belag, ebenso wie sein Konkurrent Sriver, war eine Mischung aus synthetischem und natürlichem Gummi. Vor Mark V und Sriver waren die Beläge bzw. deren Obergummis alle aus natürlichem Gummi. Die Mischung mit dem synthetischen Gummi hatte eine ähnliche Wirkung wie das von Walter Fritsch gummiähnliche Material 20 Jahre früher. Die Geschwindigkeit des Spiels machte plötzlich einen riesen Sprung. Viele der Topspieler fanden es sehr schwer, den Ball zu kontrollieren, als sie mit dem schnellen, synthetischen Gummi spielten. Für Stellan Bengtsson war es allerdings ein Segen. Er war einige Zeit vor der WM für einen längeren Zeitraum nach Japan gegangen und hatte dort die Bedeutung guter Beinarbeit verstanden und viel Schnelligkeit tainiert. Er hatte eine kürzere und zeiteffizientere Vorhand Topspin Bewegung als die meisten Topspin orientierten Japaner und verbesserte sein Spiel über dem Tisch. Durch kurze Aufschläge und kurze Rückschläge gab er seinen Gegnern keine Gelegenheiten für ihr Topspin-Angriffsspiel, bis er selbst mit seiner Vorhand angreifen konnte, sobald der Ball lang genug wurde.
Falls ein Ball etwas zu hoch retourniert wurde, verwandelte er diesen mit einem Schuss. Stellan Bengtsson wurde Weltmeister, der erste Nichtjapaner bzw. Nichtchinese seit 1953. Und 1973 in Sarajewo gelang es den Schweden mit dem Titelgewinn in der Mannschaft auch, die 20-jährige Japan-China-Vorherrschaft zu durchbrechen.

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