Der sensationelle Innovator

Jens FellkeFakten, ResultateLeave a Comment

„Ich habe nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen.“
Truls Möregårdh war ein bisschen enttäuscht, aber nicht sehr, nachdem er im Finale der Weltmeisterschaften der Männer gegen Fan Zhendong verloren hatte. Kein Wunder. Noch nie hat ein Spieler, der in der Weltrangliste auf Platz 77 steht, vor ihm das Endspiel erreicht.

Truls Moregardh, Weltmeisterschaftsfinalist im Einzel im Alter von 19. Fotos: WTT

Rückblickend hat der 19-jährige Schwede eine fantastische Woche hinter sich, beginnend mit einem 4:0 Sieg gegen Ahmed Saleh aus Ägypten. Dann ein sensationelles 4:3 gegen Chuang Chih-Yuan aus Taiwan, die Nummer 25 der Welt. Noch sensationeller dann ein weiterer 4:3 Sieg, diesmal gegen den deutschen Weltranglistenvierzehnten (14) Patrick Franziska, der zwei Matchbälle hatte, von denen Möregårdh einen mit einem Kantenball abwehrte. So knapp – einige Millimeter weiter, und schon wäre die Reise in Houston zu Ende gewesen.

Aber sie war es nicht. Möregårdh besiegte Franziska und traf in der Runde der letzten 16 auf Lim Jonghoon aus Südkorea. Lim hatte in der Runde zuvor sensationell den an Position vier gesetzten Lin Jun-Ju aus Taiwan besiegt.

Bei den Weltmeisterschaften spielte Möregårdh mit einem sechseckigen Schläger, den er
nur kurz vor dem Event getestet hatte. Da er aber ein gutes Gefühl damit hatte, entschied er sich, tatsächlich in Houston damit zu spielen.

Gegen den Koreaner zeichnete sich Truls Möregårdh durch seine außergewöhnliche Fähigkeit aus, sein Spiel an den Gegner anzupassen, um zu gewinnen. Als er 0:3 und 5:7 zurücklag und wie ein Teenager seine Frustration und Enttäuschung offen zum Ausdruck brachte, sah es eigentlich nach dem Ende der Geschichte aus. Irgendwie schaffte es Truls, das Spiel zu drehen, änderte plötzlich seine Spielweise. Begann Chop-Blocks mit Seit- bzw. Unterschnitt zu spielen und streute immer wieder ungewöhnliche Rückhand-Rückschläge aus der Vorhandseite mit sehr viel Seitschnitt ein.

Diese kreativen Rückschläge mischte er immer wieder mit langen, aggressiven Schupfbällen. Das sah alles etwas seltsam aus, als würde er nicht wirklich kämpfen. Aber es war genial. Möregårdh schaffte es, Lims Schwung zu stoppen, indem er Tempo, Spin und Platzierung des Balls mit großen Variationen immer wieder veränderte. Er durchbrach den Rhythmus des Koreaners, der je länger die Partie dauerte, immer verwirrter wirkte. So konnte der schwedische Teenager vier Sätze in Folge für sich entscheiden.

Eine Studie des Bananen-Flips a la Möregårdh.

Der nächste Gegner war im Viertelfinale Quadri Aruna, Nigeria, WRL 17. Dort stand ein anderer Möregårdh in der Box. Fokussiert, aggressiv, mit kurzen, sehr rotationsreichen Unterschnitt-Aufschlägen und harten ersten Bällen, um zu verhindern, dass Aruna mit seiner starken Vorhand dominieren kann. Es lief gut für den Schweden, 4:2, in einem umkämpften Spiel, welches er aber kontrollierte und ihm eine sensationelle Medaille einbrachte.

Im Halbfinale gegen den 40-jährigen Deutschen Timo Boll spielte die alte gegen die neue, aufstrebende Generation. Es war ein Teenager, der auf sein großes Idol traf. Ein Teenager, der während seiner gesamten Jugendzeit als Spieler dominierte, der seine internationale Anerkennung mit dem zweimaligen Gewinn der Mini-Europameisterschaften im Alter von 10 und 11 Jahren begann und dann die Eigenschaft hatte, erstaunliche Ergebnisse zu erzielen, sobald er im Rampenlicht stand – bei den ITTF-Schülerturnieren, den Jugendeuropameisterschaften oder den Jungendweltmeisterschaften in Italien, als er ältere und bekanntere chinesische Spieler schlug, aber schließlich das Finale verlor.

Diese Fähigkeit, die Dimensionen seines Spiels zu erweitern und ein Leistungsniveau zu zeigen, das niemand für möglich gehalten hätte, steckte also von Anfang an in Truls Möregårdh. Gegen Boll hat er das wieder einmal gezeigt. Er verlor die ersten beiden Sätze, gewöhnte sich aber an das Spiel des Altmeisters und seine Spielweise, um dann eine Strategie zu finden, wie er ihn schlagen kann.

Große Emotionen nach dem Sieg

„Obwohl ich zurück lag, hatte ich das Gefühl, eine Chance zu haben“, sagte Truls gegenüber dem Medienvertreter des schwedischen Verbandes. „Gegen Timo ist man gezwungen, ständig die Taktik zu ändern. Sonst liest er dich und ändert sein Spiel entsprechend.“So konnte Truls Timo, der aufgrund einer Bauchmuskelzerrung etwas eingeschränkt agieren konnte, letztendlich knapp besiegen.

Der Teenager eröffnete mit festen Vorhandbällen in die Mitte des Tisches und spielte tief in eine der Ecken nach. Im sechsten Satz bei 2:3 legt der junge Schwede einen Blitzstart hin, führt 9:4, verliert vier Punkte in Folge – Timo kommt wie so oft zurück. Aber Möregårdh zeigt in der schwierigsten Situation Mut, wie er es schon oft in diesem Wettbewerb getan hat. Er attackiert Bolls Aufschlag mit einem harten und entschlossenen Rückhand-Flip zum 10:8 und gewinnt dann den Satz mit 11:8.

Der Ausgleich ist geschafft. Jetzt sollte das Märchen aber zu Ende gehen, dachten wohl die meisten Zuschauer. Aber nicht für Möregårdh. Nicht in Houston. Dort schlägt er den europäischen Altmeister mit 11:5 im Entscheidungssatz!

Das Spiel gegen Timo Boll in der Zusammenfassung auf Youtube

Also das Endspiel gegen Fan Zhendong. Ja, Truls hat ein paar Möglichkeiten, die überlegene Nummer eins der Welt unter Druck zu setzen. Aber dieses Mal war die Zeit nicht reif. Fan Zhendong gewinnt mit 6, 9, 7 und 8 und holt sich damit seinen ersten WM-Einzel-Titel. 

„Ich habe trotzdem ganz gut gespielt“, erklärte Möregårdh unmittelbar danach gegenüber dem schwedischen Fernsehen. „Ich habe mich gezwungen gefühlt, mit der Vorhand hart anzugreifen, wenn ich die Möglichkeit dazu hatte, und das habe ich manchmal ein bisschen zu hart gemacht. Er ist im Spiel schneller als ich. Ich habe mich nicht schnell genug bewegt, wenn ich versucht habe, mit meiner Vorhand ins Spiel zu kommen. Aber im Großen und Ganzen werde ich jetzt zurück nach Schweden fliegen und mit meiner Familie und meinen Freunden feiern. Sie bedeuten mir alles, ich liebe sie.“

„Und dann werde ich jedes Match mit meinem Trainer Stellan Bengtsson durchgehen, um alle verfügbaren Informationen aus diesem Turnier zu bekommen, welches für mich fantastisch war.“

Truls Möregårdh nach dem Finale

„Truls hat ein fantastisches Turnier gespielt“, kommentierte Stellan nach dem Finale. „Er hat bewiesen, dass es möglich ist, auch in seinem Alter ein Finale bei den Weltmeisterschaften zu erreichen, was eine große Inspiration für alle jungen Spieler auf der ganzen Welt ist. Er hat seinen eigenen, einzigartigen Spielstil. Er hat schwierige Situationen gemeistert, er ist ein Erfinder in der Box. Im Finale hatte Fan Zhendong auf fast alles, was Truls versuchte, eine Antwort. Der Chinese ist stark und das Spiel wurde zu kompliziert für Truls. Aber er musste sich auf ein solches Spiel einlassen, es gab keine andere Möglichkeit, um zu gewinnen.“

„Jetzt muss er weiterhin bescheiden an die Aufgabe herangehen. Weiterhin hart und viel trainieren. Und in manchen Situationen am Tisch muss er noch ein bisschen abgeklärter werden. So wie ich liebt er Tischtennis. Die Zukunft gehört ihm.“

Alle Ergebnisse der WM gibt es hier: WTT 

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