Der Schlüssel für Entwicklung

Jens FellkePortrait, TrainerportraitLeave a Comment

Sie war die Trainerin von Benedikt Duda, Nr. 41 der Weltrangliste, in dessen für seine Entwicklung wichtigen Periode von seinem 10. bis 16. Lebensjahr. Jetzt arbeitet sie mit Annett Kaufmann, einem der vielversprechendsten Talente Deutschlands im weiblichen Bereich. Aber das Stichwort, wenn es um die Entwicklung junger Spieler geht, kommt bei Evelyn Simon nicht aus der Tischtennis Terminologie:

„Nur wenn eine vertrauensvolle Spieler-Trainer Beziehung besteht, kann ein Spieler sein volles Potential ausschöpfen.“  

Als Spieler hatte die Linkshänderin gute Aufschläge und einen harten VH-Topspin. Mit 16 spielte sie in der 2. Bundesliga und gewann eine Medaille bei den Deutschen Jugendmeisterschaften im Doppel. Eine Verletzung beendete jedoch ihre TT-Karriere frühzeitig. 
“In der Schule war ich ein Rebell. Ich protestierte lautstark gegen die ungerechte Behandlung von Mitschülern, wenn Lehrer ihre Autorität missbrauchten. Aufgrund ihres ausgeprägten Sinnes für Gerechtigkeit musste sie die Schule verlassen.
Sie reiste nach Houston, Texas. Dort wurde ihr politisches Verständnis geschärft, ebenso wie das Gefühl für den Sport. „Das war zu der Zeit als Bush den Krieg gegen den Iran begann, wogegen sehr viele Menschen opponierten. Politik war wirklich ‚in‘ in den USA und mein College war keine Ausnahme.“

“Es war Engagement und Intensität. Leidenschaft. Es waren harte Kämpfe und das Training war nicht weniger anfordernd. Alle gaben Alles!  Ich wurde von all dem total mitgerissen.“

In dem Jahr in Houston geschah etwas in ihrem Verhältnis zum Sport. In Deutschland hatte sie neben TT auch Basketball gespielt. Am College in Houston trat sie dem Basketball-Team bei, was ihr Verständnis für professionellen Sport sehr stark beeinflusste.
“Es war Engagement und Intensität. Leidenschaft. Es waren harte Kämpfe und das Training war nicht weniger anfordernd. Alle gaben Alles!  Ich wurde von all dem total mitgerissen. Ich mochte es sehr und es gab mir ein gutes Gefühl, ebenso wie ein Teil dessen, was vor sich ging, zu sein.“

Zurück in Leverkusen machte Evelyn endlich ihr Abitur. Um etwas Geld zu verdienen, arbeitete sie als TT-Trainerin. Sie machte die Trainer A-Lizenz und die Diplomtrainerausbildung, eine Voraussetzung als Trainer in einem Landesverband angestellt werden zu können. Und es dauerte nicht lange bis sie mitten in die Trainertätigkeit des Westdeutschen Tischtennisverbandes (WTTV) geraten war.
„Es war eine wunderbare Gruppe von Trainern, Stephan Schulte-Kellinghaus, Johannes Dimmig und Christine Mettner, angeführt von Cheftrainer Dirk Huber. Wir haben 24 Stunden am Tag in einer sehr offenen, wissbegierigen und toleranten Atmosphäre über TT diskutiert.“

Unsere Gruppe hat den Spieler in den Mittelpunkt gestellt, sowohl als TT-Spieler als auch als Mensch. Das Stichwort war Menschlichkeit. Das Wichtigste war, Vertrauen zwischen Spieler und Trainer aufzubauen.
„Der Spieler sollte sich geschätzt fühlen, egal was passiert. Das Rezept war: 20 anerkennende Worte pro Kritik. Auf diese Weise wird nicht nur beim Spieler, sondern im gesamten Umfeld eine positive Atmosphäre geschaffen.“
Das Wichtigste war nicht zu gewinnen oder zu verlieren. Resultate wurden mehr als ein Indikator für den Entwicklungsprozess betrachtet.Hat der Spieler sich getraut, das was im Training funktioniert hatte, auch im Wettkampf einzusetzen?

„Nur wenn eine vertrauensvolle Spieler-Trainer Beziehung besteht, kann ein Spieler sein volles Potential ausschöpfen.“

2005 fing Evelyn an, intensiv mit Benedikt Duda zu arbeiten. Ein Junge, der erst mit 10 Jahren angefangen hatte, richtig TT zu spielen, der jedoch einen enormen Willen zeigte, um gut zu werden.
„Ich fuhr zweimal pro Woche nach Bergneustadt, um „Bene“ zu trainieren. Er verbesserte sich sehr schnell. Wir überzeugten die Lehrer davon, dass sie ihm die Möglichkeit zum Morgentraining geben sollten. Danach habe ich ihn 6 Einheiten pro Woche trainiert.” 

Evelyn war klar, dass Duda intensiv an seiner Technik arbeiten musste und sah gleichzeitig, dass er die Fähigkeit besaß, ungewöhnlich viel und hart zu trainieren. Er nutzte jede einzelne Sekunde im Training aus, um sich zu verbessern.
“Von Anfang an war er gut im Aufschlag-/Rückschlagspiel. Er spielte mit klebrigen chinesischen Belägen auf seiner VH, was ungewohnt für seine Gegner war. Er hatte mehr Spin in allen seinen VH-Schlägen.“

Außerdem war Duda mental stark. Er hatte keine Angst vor dem Verlieren.


“Er akzeptierte seine Fehler, er wurde nicht von ihnen beeinflusst, sondern lernte von ihnen. Dann konzentrierte er sich auf den nächsten Ballwechsel, dann auf den nächsten… Er schaffte es wirklich, Punkt für Punkt zu spielen.“
Im Training arbeiteten sie weniger daran, Techniken zu automatisieren als vielmehr mit Spielsituationen zu arbeiten, mit denen Bene im Spiel Probleme hatte.
„Das war auch ein Bestandteil der Gedanken, die wir in der Trainergruppe im WTTV hatten. Wir stellten die Spieler vor schwierige Aufgaben und sie arbeiteten daran, Lösungen zu finden.“
“Bene” arbeitete stur und unverwüstlich weiter. Einige Jahre später schaffte er als Jugendlicher das,  was nur wenige europäische Spieler gelungen ist, in Hyderabad, Indien, kam er ins Viertelfinale der Jugendweltmeisterschaften. Danach entschied er sich, Tischtennisprofi zu werden. 

Evelyn Simon und Annett Kaufmann nach dem Sieg bei den Euro Mini Champs 2018. Foto: Privat

2011 nahm Evelyn Simon eine Stelle als Landestrainerin im Tischtennisverband Baden Württemberg (TTBW) an. In Sönke Geil und seinem Team traf sie auf eine neue Gruppe Trainer, bei denen der Sportdirektor eine starke humanistische Annäherung an die Entwicklung von Spielern und Trainern hatte.  Mehrere junge Spieler haben seitdem eine sehr gute Entwicklung gehabt. Annett Kaufmann, geb. 2006, ist eine von ihnen. Im August 2018 gewann sie ihre Klasse bei den EuroMiniChamps in Frankreich, was bedeutet, daß sie absolut eine der besten Spielerinnen ihres Alters in Europa ist.

Evelyn Simon betreut konzentriert ihre Spieler, hier Annett Kaufmann. Foto: ITTF

Evelyn hat Annett täglich beim Training “im Augenblick arbeiten wir daran, Grenzen zu erkennen, und  sie zu pushen. Das ist sowohl spannend als auch essentiell. Es erfordert Offenheit und Vertrauen in der Kommunikation, aber auch einen gewissen Abstand.“ 

Für die meisten Talente ist es sehr schwierig, die Anforderungen, die im Leistungssport gestellt werden, zu erfüllen. Unendlich viele Stunden Training, Reisen, Wettkämpfe, Erwartungen, erforderliche Resultate, um nominiert zu werden. Die Motivation muss von Innen kommen, ansonsten lässt der Trainingseifer und der Einsatz nach. Wessen Eigenmotivation groß genug ist, ist häufig in jungen Jahren schwer zu sagen. Der Einfluss von Eltern, Vereinstrainer, Landestrainer, Bundestrainer und anderen ist nicht zu unterschätzen. 

„Hochleistungssport kann für Kinder gefährlich sein,“ schließt Evelyn ab, „aber nicht, wenn eine sehr gute vertrauensvolle Beziehung zwischen Spieler und einem verantwortungsvollen personal Coach besteht.“

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