Der ABS-Plastikball – ein „Gamechanger“

Jens FellkeAktuelles, MaterialLeave a Comment

Als der internationale Tischtennis-Verband ITTF entschied, Zelluloidbälle zu verbieten, waren sich wenige Personen bewusst, wie stark sich der Sport dadurch verändern wird. Heute erkennen wir, wie sich Tischtennis vom vorhandorientierten zum rückhandorientierten Spiel entwickelt hat und wie sich die Rückhand zum wichtigsten Schlag herauskristallisiert hat.   
Überraschenderweise ist der Grund dafür selbst den meisten Spielern, Trainern und Fans nicht bekannt.

Der Tischtennis-Ball, der einen großen Unterscheid macht. Foto: ITTF

Der erste Ball ohne Zelluloid wurde Mitte 2014 eingeführt, während Ende 2020 nach einer sechs-jährigen Übergangsphase auch der letzte Zelluloidball von der ITTF-Zulassungsliste verschwunden ist und damit eine Ära endete. Der Grund für das Verbot von Zelluloid war die Brandgefahr dieser Kunststoff-Verbindung. In der Vergangenheit wurden Brände in Zelluloidball-Fabriken gemeldet, was zu strengeren Vorschriften während des Transports führte. Die Lagerung und der Transport der Bälle wurden damit zu teuer.

Die ersten Plastikbälle sind häufig schnell kaputt gegangen

Schwieriger Anfang
Der Startschuss der Bälle ohne Zelluloid war ein schwieriges Unterfangen für die Ballproduzenten, die Millionen von Dollar für die Forschung investierten. Die richtige Kombination von Härte, Rundheit und Absprunghöhe zu finden, stellte sich als knifflig heraus und führte zu einer Vielzahl an gescheiterten Versuchen. Die Haltbarkeit war sehr kurz und manche Bälle teilten sich urplötzlich in zwei Hälften. In Bezug auf die Härte waren die Bälle uneben, das Absprungverhalten war nicht regelmäßig, wodurch es problematisch war, den Ball während des Spiels zu kontrollieren. 

 Durchbruch
2015 kam es allerdings zu einem Durchbruch, als man ABS-Plastik als Rohmaterial für die Ballherstellung nutzte. ABS-Plastik (Akrylnitril-Butadien-Styren) ist ein Gemisch aus den 3 Monomeren, die für diese Abkürzung verantwortlich sind. ABS wird in Alltagsprodukten wie Haushalts-Ausstattungen, Büromaschinen, Telefonen, Staubsaugern oder Computern verwendet. Es zeichnet sich durch geringes Gewicht, Stabilität und eine einfache Herstellung aus und, ebenfalls von nicht zu geringer Bedeutung, ist darüber hinaus auch preislich günstig. 

Die chemische Beschreibung des ABS-Plastik. Illustration: Wikipedia

Mitte 2016 haben diese „Bälle der 2. Generation“ die Zulassungsliste erobert. Erhöhte Haltbarkeit und Rundheit führten zu einer massiven Verringerung der Probleme. 3 Jahre später wurden über 100 verschiedene Bälle zugelassen. Somit wurde der Übergang von Zelluloid- zu ABS-Bällen nicht nur abgeschlossen, sondern der ABS-Ball wurde auch von Spielern, Trainern und anderen Involvierten des Sports angenommen und akzeptiert.

Härte und Homogenität
Ein Hauptunterschied zwischen dem alten Zelluloidball und dem neuen ABS-Ball liegt in der Härte und Homogenität. Der Zelluloidball war nicht homogen und sehr weich. Nach der Entscheidung der ITTF die Bälle von 38 mm auf 40 mm im Durchmesser zu ändern, wurden diese Schwächen des Zelluloidballes noch deutlicher. Da man in 2 überlappenden Hälften produzierte, waren die Bälle genau an dieser Stelle, dem „Äquator“, hart, aber ziemlich weich zwischen diesem und den „Nord- und Südpolen“. Dadurch, dass die ITTF dies während des Zulassungsprozesses nicht gemessen hat, verschwand dieser Unterschied auch nicht. Die unterschiedliche Härte der verschiedenen Ball-Bauteile führte in der Praxis zu unregelmäßigem Ballabsprungverhalten. Der 40-mm-Ball wurde nach den Olympischen Sommerspielen 2000 offiziell eingeführt.  

Der ABS-Ball ist dagegen sowohl härter als auch bedeutend gleichmäßiger was die Homogenität angeht.

Der ABS-Ball ist gleichmäßig hart. Foto: Jens Fellke

Neue Härtegrade
Durch die verbesserte Härte und Gleichmäßigkeit hat der ABS-Ball auch gewaltigen Einfluss auf die Belagsentwicklung genommen. Mit dem weicheren Zelluloidball musste auch der Belag weich sein. Mit harten Belägen fielen Bälle häufig runter, speziell bei Topspin gegen Topspin Ballwechseln, aber auch bei Topspins gegen Unterschnitt und anderen Schlägen. 
Für den ABS-Ball sind im Gegensatz dazu für Spieler auf höherem Niveau härtere Beläge sinnvoller, um diese Schläge zu optimieren. Härtegrade der Beläge, die vor 6 Jahren noch völlig utopisch waren, sind heutzutage Standard unter Topspielern und Nachteile bei Topspin gegen Topspin sind nicht mehr zu erkennen. 

Messungen haben ergeben, dass die Reibung eines ABS-Balles
auf der Tischoberfläche deutlich grösser ist, als die eines Zelluloidballes. 
Deshalb verliert dieser Ball durch en dem Aufsprung an Spin!

Es gibt sehr viele Leute die behaupten, dass man mit dem härteren Belag und dem härteren 40mm-ABS-Ball deutlich weniger Spin erzeugen kann, als mit dem Zelluloidball. Und dass dadurch das Spiel insgesamt mit weniger Spin gespielt wird. Diese Behauptung kann man einerseits mit „falsch“, andererseits mit „richtig“ beantworten. Falsch, da aufgrund von wissenschaftlichen Messungen herausgefunden wurde, dass mit den heutigen Belägen sogar mehr Spin produziert werden kann, als früher. Richtig ist jedoch, dass der Ball mit weniger Rotation/Spin beim Gegner ankommt. Wie kann das sein? Der Grund: die Haftreibung beim Kontakt der ABS-Bälle mit der Oberfläche des Tisches ist grösser als bei Zelluloidbällen. Dadurch wird der Spin sozusagen mehr abgebremst. 

Bis zum Aufsprung auf der gegnerischen Tischhälfte ist der Spin also mindestens genauso groß wie beim Zelluloidball, beim Aufprall auf dem Tisch verliert der Ball allerdings an Energie und damit auch an Spin!

Aggressive Rückschläge
Dies beantwortet auch die Frage, weshalb es heute einfacher ist, aggressiv auf gegnerische Aufschläge zu returnieren.  
Die Spieler schlagen mit genauso viel Spin auf wie früher. Weil der Ball beim Aufschlag zweimal aufspringt, wird hier der Spin des Balles beim zweimaligen Berühren des Tisches dementsprechend zweimal verringert. Deshalb ist es möglich, deutlich aggressiver zurückzuschlagen. Die Reibung zwischen ABS-Ball und der Tischoberfläche ist auch der Grund dafür, weshalb der Vorhand-Topspin seinen dominierenden Status im heutigen Tischtennis verloren hat. Man hat durch vorhandorientiertes Spiel keinen klaren Vorteil mehr, da es nicht nur einfacher für den Gegner ist, sich dagegen zu verteidigen, sondern auch einen Gegenangriff zu starten.


Vielmehr wird der „Kampf“ immer mehr im Rückhand-gegen-Rückhand Spiel entschieden, welches ein so hohes Tempo erreicht hat, dass es sehr schwierig geworden ist umzulaufen, um mit der Vorhand aus der Rückhandseite zu spielen.  
Zwei Beispiele dafür waren die beiden World Cup Finals (Männer und Frauen) im November 2020, die letztendlich beide durch das beste Rückhandspiel entschieden wurden. In beiden Turnieren wurde auch ersichtlich, wie viel mehr Rückhand als Vorhand gespielt wurde. Außerdem gingen Ballwechsel häufiger über Aufschlag, Rückschlag und 1. Ball hinaus, was aufzeigt, dass diese Bälle meist gut vom Gegenüber kontrolliert wurden. Dies war vor der Zeit des ABS-Balls nicht der Fall. In der Ära des Zelluloidballs endeten Ballwechsel meist früher, während es jetzt immer häufiger zu langen „Rallies“ kommt.
 

Offene Zukunft
Wie sich der Sport in der nahen Zukunft entwickeln wird, hängt wie immer davon ab, in welche Richtung das Zusammenspiel von Regeln, der Entwicklung der Hersteller und den Spielern gehen wird. 

Die ITTF könnte Regularien zur Tischoberfläche einführen, damit die Reibung beim Aufsprung des Balles weniger reduziert wird. Auf jeden Fall sollten in Zukunft Forderungen an die Tischhersteller bzgl. der Reibungsgrenzwerte bei den Tischoberflächen gestellt werden, damit die Spieler nicht bei einem Wettkampf auf Tischflächen mit sehr großem Reibungswiderstand und kurz darauf beim nächsten mit relativ geringer Reibung spielen müssen. Denn auch hier gibt es Unterschiede. 
Ein Kontrollsystem könnte etabliert werden, damit alle Beläge definitiv in der 4 mm Toleranz sind bzw. könnte man alternativ die erlaubte Belagsdicke auf beispielsweise 4,5 mm erhöhen. Zudem könnten bei Tischtennishölzern auch noch stärker andere Materialien neben Holz erlaubt werden. 

Möglicherweise wird die ITTF diesbezüglich auch nichts anderes tun, als den jetzigen Status Quo zu bewahren.  
Unabhängig davon werden die Belagshersteller weiterhin mit Hochdruck daran arbeiten, im Rahmen dessen, was die Regeln zulassen, ihre Produkte weiterzuentwickeln. 

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