Calderano – der Pionier

Jens FellkeAktuelles, Portrait, SpielerportraitLeave a Comment

Hugo Calderano ist der Erste. Er erschließt neue Gebiete. Kein Lateinamerikaner vor ihm hat zu den besten 10 Tischtennisspielern der Welt gezählt. Keiner hat die Pan Amerikanischen Spiele in so jungem Alter gewonnen. Keiner zuvor hat eine Medaille bei Olympischen Spielen errungen.

Hugo ist ein Pionier, dessen Taten die Tischtennislandschaft verändert haben, insbesondere die in Südamerika.

Ausgangsposition. So tief, dass seine Augen sich beinahe auf Tischhöhe befinden. Foto: ITTF

Vor jeder Aufschlagannahme nimmt der 1,82 m große Athlet mit einer weichen Bewegung eine sehr tiefe Rückschlagstellung ein. So tief, dass seine Augen sich beinahe auf Tischhöhe, 76 cm über dem Boden, befinden. Er returniert den Aufschlag häufig mit seiner Rückhand, mit der sogenannten „Banane“, die so effektiv ist, dass seine Gegner es oft vorziehen würden, nicht aufschlagen zu müssen.

Wenn er selbst aufschlägt, verzieht er sein Gesicht zu einer Grimasse, dann wirft er den Ball 3 m hoch, so wie es einige Chinesen in den 70-iger Jahren machten und trifft den Ball mit schnellem Unterarm- und Handgelenkeinsatz. 

Beim Aufschlag. Foto: ITTF

Bei Topspin gegen Topspin Duellen zieht er mindestens genauso fest mit der Rückhand wie mit der Vorhand, was die Gegner am Anfang häufig überrascht.

Großes Ziel
Hugo Calderano unterscheidet sich von anderen Spielern am Tisch, wahrscheinlich, weil er nie in ein Schema gepresst worden ist. Und er hat seine eigenen Vorstellungen davon, wie er sein großes Ziel, die Goldmedaille bei Olympischen Spielen, erreichen kann.

Jean-René Mounie und Calderano bei der Weltmeisterschaft in Budapest 2019. Foto: ITTF

„Ehrlich gesagt lehrt er mich mehr als ich ihm“, sagt sein Personal Coach, der Franzose Jean-René Mounie, in einem sehenswerten 25-minütigem Video, der auf der ITTF Webseite im Herbst 2019 publiziert wurde.

„Ich komme mit fachlichem Wissen und Vorschlägen, aber Hugo trifft letztendlich selbst die Entscheidung, wie er die Dinge angreifen will. Wenn er sich für eine Strategie entscheidet, so folgt er diesem Weg 100%. Um in der absoluten Weltspitze zu bestehen und einen großen Titel gewinnen zu können, muss man seinen eigenen Weg finden und gehen, jeden Schritt vorwärts genießen und sich darüber freuen. Das ist wichtiger als das Endresultat.“

Hugo Calderano’s Karriere begann in Rio de Janeiro. Dort wurde er am 22. Juni 1996 geboren. Er betrieb mehrere Sportarten wie Basketball, Volleyball und Leichtathletik, mit Tischtennis fing er ernsthafter erst mit 8 Jahren an.

Fluminese FC, dort wo alles begonnen hat. Foto: ITTF

Von Fluminese FC nach Sao Caetano do Sul
„Beim Tischtennistraining war ich zu Anfang zwei bis dreimal in der Woche. Wir machten fast nur Spiele“ berichtet Hugo. „Wir waren viele Jungs und es gab nicht so viele Tische, manchmal musste ich sogar eine halbe Stunde auf der Bank sitzend warten, bis ich wieder dran war.“
Aufgrund seiner verschiedenen anderen sportlichen Aktivitäten war Hugo sehr gut durchtrainiert, trainierte immer mehr und entwickelte sich schnell.

Mit 13 Jahren war er die Nr. 1 in Rio. Im Jahre 2010, mit 14, zog er von zu Hause weg, um sich weiterentwickeln zu können. Er ging nach Sao Caetano do Sul, wo das Nationale Trainingscenter lag. 

Dort fand er bedeutend andere Verhältnisse vor: 5 – 6 Stunden Tischtennistraining jeden Tag, Hausaufgaben wurden abends gemacht. Häufig kam Hugo nicht vor Mitternacht ins Bett und acht Stunden später stand er schon wieder am Tisch.

„Ausbildung ist wichtig“, sagt Hugo. „Die ist gut für die persönliche Entwicklung. Ich war weit weg von zu Hause, was nicht immer gerade leicht war. Aber es half mir, schneller reif zu werden.“ Er bekam das mit auf den Weg, was jeder außergewöhnlich gute Sportler lernen muss – selbstständig zu werden und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. 

”Man profitiert davon, auf sich allein gestellt zu sein, aber man muss auch auf Einiges verzichten. Das ist das Los eines professionellen Tischtennisspielers.”

„The thrill from Brazil“

Im nationalen Trainingscenter wurde der Franzose René Mounie, der zu dieser Zeit Bundestrainer in Brasilien war, sein Trainer. Mounie sollte großen Einfluss für Hugo’s Entwicklung bekommen, zunächst einmal in Brasilien. ”Meine Arbeitsweise ist einfach,“ sagt Mounie. „Ich beobachte und höre zu. Ich mache Vorschläge und wenn wir einen Plan ausgearbeitet haben, passe ich auf, dass dieser in der Praxis funktioniert, so dass wir uns daran halten können. Für Technik- und Taktikanalysen verwende ich digitale Programme.

Gute Resultate erzielte Hugo schnell, auch international. Man wurde auf ihn aufmerksam. Sein Spitzname wurde „The thrill from Brazil“. Bereits 2011, gewann er sein erstes Turnier in Europa, die U-15 Klasse bei den Polish Open. 2012 wurde er zweiter beim ITTF Cadet Challenge. 

Im gleichen Jahr wagte Hugo den Sprung über den großen Teich, näher bestimmt ins nationale Trainingscenter von Frankreich, INSEP in Paris – wohin Mounie ihn mitgenommen hatte.

Hugo mit seinen von J.P. Gattin geliehenen Traum-Medaillen: WM-Gold, Olympisches Silber. Foto: Privat

Und schon ein Jahr später, 2013, ging seine Reise weiter nach Ochsenhausen, wo er seitdem lebt und trainiert – mit Mounie als Personal-Coach. Der Trainerstab, an der Spitze mit Sportdirektor Michel Blondel, war von Anfang an darauf eingestellt, mit Hugo so viel zu arbeiten, wie er selbst wollte.

2014 schlug er den regierenden Jugendweltmeister, Jang Woo-Jin aus Südkorea im U-21 Finale der Japan Open. Einige Monate später gewann er die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen der Jugend. Und damit wurde er der erste brasilianische Tischtennisspieler, der eine Olympische Medaille gewinnen konnte.

Ein Suchender
Hugo ist ein Suchender, meint man in Ochsenhausen. Selbst formuliert Hugo das so: „Begnüge dich nicht damit Träume zu haben, sondern jage ihnen täglich hinterher.“

In Ochsenhausen fand Calderano eine stolze Tischtennistradition vor, die seiner Meinung nach aber auch eine starke Mentalität fordert.

„Man wohnt in „Ox“ um ein besserer Tischtennisspieler zu werden und um hohe Ziele zu erreichen. Der Umzug hierhin hat mich abgehärtet.“

Ab und zu reist er nach Hause. In Rio trifft er Familie und Freunde und lädt seine Batterien auf den langen Stränden der Stadt. Seine Eltern fragen ihn immer wieder, ob er bleiben will, ob er das Tischtennisleben in Europa nicht aufgeben will. „Nein, nein,“ antwortet Hugo jedes Mal, „ich will zurück“. 

Der Umzug nach Europa kam zum richtigen Zeitpunkt. Erst in Paris, dann noch ausgeprägter in Ochsenhausen, fand er junge ambitionierte Trainingsgruppen mit hohen Zielen vor.

Erster Top 10 Spieler aus Südamerika
Er wurde der jüngste Panamerikanische Meister (Nord-, Mittel-, Südamerika und die Karibik) aller Zeiten. Er qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in Rio 2016, bei denen er als Publikumsliebling bis ins Achtelfinale vordrang. 

Er fing an, regelmäßig absolute Topspieler zu schlagen und hatte vordere Platzierungen bei der World Tour.

Er kletterte beständig in der Weltrangliste, im Juli 2016 war er Top 50, im Februar 2017 Top 20. Im Juli 2018 war er erstmals Top 10 und hat sich dort seitdem gehalten.
Und Hugo ist weiterhin der Erste. 2019 wurde er als erster TT-Spieler von den Zuschauern zum Publikumsfavorit mit 47 Prozent der Stimmen bei Brasiliens Olympiagala (Sportler des Jahres) gewählt. Die Dankesrede musste er allerdings von Zhengzhou, China, halten, wo er sich auf das World Tour Grand Final in Chengdu vorbereitete.

Medaille bei Jugend-Olympia. Foto: ITTF

Hugo Calderano
Geboren: 22.06.1996

Drei wertvolle Titel im Einzel: 3x Gold im Einzel bei den Panamerikanischen Spielen, bereits 2015 Gold bei den Lateinamerikanischen Meisterschaften. Sieger der Brazilian Open 2017.

Drei wertvolle Titel mit der Mannschaft: 5. Platz in der Mannschaft bei der WM 2018. Deutscher Mannschaftsmeister und deutscher Pokalsieger mit Ochsenhausen 2019.

Drei wertvolle Einzelsiege: Fan Zhengdong (World Tour Grand Finals 2018), Timo Boll (Qatar 
Open 2018), Lin Gaoyuan (Qatar Open 2018)

Sponsor: Xiom.

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