Älterer Bruder Möregardh hinter dem historischen Silber

Jens FellkeAktuelles, Portrait, TrainerportraitLeave a Comment

Eine Operation mit langer Rehabilitation. Gewonnene Titel bei nationalen und internationalen Wettbewerben, die das Selbstvertrauen stärken. Und jede Menge Spaß, intensive und manchmal auch frustrierende Vorbereitungsarbeit mit seinem älteren Bruder zwischendurch.

Das ist der Rahmen für die magischen letzten 13 Monate im Leben des schwedischen Teenagers Truls Möregardh, der sein Kapitel 2020-2021 mit dem sensationellen Finale im Einzel bei den Weltmeisterschaften abschloss. Lesen Sie hier, wie Truls‘ persönlicher Trainer und sein fünf Jahre älterer Bruder Malte Möregardhden Rahmen mit einzigartigen Inhalten aus dem engsten Kreis füllen.

Umarmung unter Brüdern. Malte und Truls Möregardh. Foto: privat

Die Niederlage gegen den Weltranglistenersten Fan Zhendong im Finale des Herreneinzels in Houston am 29. November war das Ende eines verrückten Jahres für Truls und Malte Möregardh.

Vor dem Turnier an Position 76. der Weltrangliste platziert, ist die Leistung in der Tischtennisgeschichte herausragend, denn auf dem Weg ins Finale besiegte er Spieler wie Chuang aus Taiwan, Franziska aus Deutschland, Lim Jong-hoon aus Südkorea, Aruna aus Nigeria und den deutschen Superstar Timo Boll.

Zu Hause in Schweden hallt das Kunststück oft in den Medien nach. Plötzlich überträgt das schwedische öffentlich-rechtliche Fernsehen, wenn Truls ein ganz normales Dienstagabendspiel in der schwedischen Liga spielt. Auch in meinem eigenen Privatleben stelle ich fest, dass Freunde, die sonst nie über Sport reden, plötzlich viel über den Teenager wissen, der die Tischtenniswelt im Sturm erobert hat.

Nur wenige außerhalb der inneren Tischtenniswelt wissen, dass die Geschichte auch eine Familienangelegenheit ist. Als Truls direkt nach seiner großartigen Leistung sagte, dass er sich danach sehnt, nach Schweden zurückzukehren und mit seiner Familie zu feiern, war das etwas mehr als die übliche Höflichkeit. Um Truls herum ist und war schon immer ein inneres Team mit seinem Vater Carl und dem fünf Jahre älteren Bruder Malte. Carl hat die Rolle des Managers inne, während Malte, ebenfalls ein guter Spieler, sich um das Geschehen am Tisch kümmert. Seit einigen Jahren ist Malte Truls persönlicher Trainer, der sich zu 100 % um ihn kümmert, wenn er nicht gerade im Ausland unterwegs ist.

Lebenslanger Dialog

„Mein Bruder und ich haben von klein auf Tischtennis gespielt und über Tischtennis geredet“, sagt Malte Möregardh, kurz bevor er in die Halle geht, um Truls und sein Team in Eslöv beim Spiel gegen den schwedischen Meister Söderhamn zu coachen. „Es ist eine ewige Diskussion in der Halle, und dann geht es zu Hause auf dem Sofa im Esszimmer mit der Analyse von Spielen und Gegnern weiter.

Ich glaube, ich kann ihn mehr pushen, als ein normaler Trainer es wagen würde. Ich meine, ich bin sein Bruder. Es macht nicht so viel aus, wenn er wütend wird oder sich über mich ärgert. Wir haben solche Situationen schon unser ganzes Leben lang hin und wieder erlebt. Nach einer Weile haben wir uns wieder vertragen.“

Oktober 2020 – Die Operation

Ein natürlicher Anfang der Reise zur Silbermedaille in Houston ist die Knieoperation, der sich Truls im Oktober 2020 unterzog. Einen Monat lang hatte er eine riesige Orthese am rechten Knie und durfte sich so gut wie gar nicht bewegen.

„Die Orthese war dazu da, um das Knie richtig zu stabilisieren, was für die Rehabilitation entscheidend war“, erzählt Malte.

„Truls hatte einen losen Knochensplitter im Knie, einen ziemlich großen. Das ist genetisch bedingt. Ich hatte das gleiche Problem und habe mich vor einigen Jahren ebenfalls einer großen Operation unterzogen. Truls hatte lange Zeit Schmerzen und eine Operation war unvermeidlich. Als die Pandemie die Saison verlangsamte, sagte er, das sei der beste Zeitpunkt, um das Problem loszuwerden.“

Rehabilitation. Foto: privat

Dezember – Start mit der Rückhand

Nach einer intensiven Reha ohne Ball und Schläger begannen sie Mitte Dezember mit dem Training am Tisch.

„Wir begannen mit Rückhandübungen, sehr einfachen Übungen, aber ich bin überzeugt, dass sich das auf seine Spielweise auswirkte, als er später wieder im Wettkampf war. Zuvor war Truls Rückhand im Training immer besser als im Turnier, aber diese Konzentration auf die Rückhand hat ihn sehr selbstbewusst gemacht, vor allem wenn es darum geht, mit hohem Tempo parallel zu spielen. Ähnlich verhält es sich mit vielen der seltsamen Schläge, die er während der Weltmeisterschaft zeigte. Sie mögen seltsam aussehen, aber er macht sie regelmäßig im Training, und sich nicht normal bewegen zu können, wurde zu einem kreativen „Labor“, in dem er alle möglichen Dinge ausprobieren konnte.“

März – Schwedischer Pokalsieger mit Eslöv

Geduldig, Schritt für Schritt, wurde das Training immer normaler. Topspin auf Unterschnitt am Balleimer, sobald Truls seine Beine beugen konnte. Dann Vorhand, dann eine Menge regelmäßiger Übungen, damit er wusste, wohin der Ball gehen würde. Dann allmähliche Steigerung mit immer mehr Unregelmäßigkeiten, bis er wieder zu 100 % einsatzfähig war. Ende März 2021 bestritt er seine ersten Spiele seit fast einem halben Jahr, hochmotiviert und wettkampfbegierig, und gewann mit seiner geliebten Mannschaft Eslöv den schwedischen Mannschaftspokal.

Juni – Schwedischer Meister

Bei den schwedischen Meisterschaften im Juni war er im Halbfinale gegen Jon Persson schon fast ausgeschieden, drehte dann aber das Spiel komplett und gewann. Und dann drehte er ein weiteres Spiel – von 0:2 auf 4:2 gegen Anton Källberg im Finale.

„Für mich war es sehr überraschend, wie gut er bei den schwedischen Meisterschaften gespielt hat. Die Erfahrung, die er aus dem Match gegen Jon Persson mitnahm, war die Fähigkeit, die Spielweise komplett zu ändern, wenn der Gegner in einem Flow ist und das Match verloren geht, wenn man den Flow nicht mit etwas Unerwartetem unterbricht. Ich denke, diese Erfahrung war wichtig für Truls, als er das Match in Houston nach einem 0:3-Rückstand gegen Lim Jong-hoon aus Südkorea noch drehen konnte.“

Malte Möregardh unterstreicht, dass die besondere Gabe von Truls nicht nur darin besteht, dass er in der Lage ist, ungewöhnliche und unorthodoxe Schläge auszuführen.

„Es ist auch eine Frage der Identifikation. Truls hat ein außergewöhnliches Gespür dafür, sich mit dem Spielmuster seines Gegners vertraut zu machen. Und dann kann er aus dem, was er herausfindet, punktbringende Lösungen in sein Spiel integrieren.“

WTT Contender Sieger in Budapest. Foto: WTT

Juli/August – Körperlicher Erholung und erster WTT-Titel

Nach einer guten Einzel-Europameisterschaft Ende Juni (er verlor im Achtelfinale gegen Freitas aus Portugal) entschied das Möregardh -Team, dass Truls nicht an der Jugend-Europameisterschaft teilnehmen sollte. Stattdessen sollte er sich ausruhen, seinen Körper erholen und trainieren. Doch plötzlich gab es eine Einladung zum WTT Contender Budapest im August. Die Brüder packten ihre Koffer und fuhren gemeinsam hin. Malte verstand, dass Truls große Fortschritte gemacht hatte. Von der Bank aus sah er, wie sein Bruder das Turnier gewann.

„Ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung war die physische Komponente, die wir im letzten Jahr dank Michel Blondel und Mika Simon, die in Paris und Ochsenhausen arbeiten, stark verbessert haben. Wir profitieren sehr von der Zusammenarbeit mit ihnen, sowohl in Bezug auf die Physis als auch auf die Strategie im Training, einschließlich der Gesamtplanung. Das Ergebnis bzgl. Physis ist, dass Truls seinen Körper viel besser kennt und genauer weiß, wie er ihn stärken und auch pflegen muss, um Verletzungen zu vermeiden. Er war noch nie so stark in seinem Körper wie bei den Weltmeisterschaften.“

Vor Houston

In der Champions Leauge, wo er für den polnischen Verein Dekorglass Dzialdowo spielt, besiegte Truls anschließend Patrick Franziska, einen der Top 15 Spieler in der Weltrangliste. Es lag etwas in der Luft.

„Wir haben intensiv mit der Rückhand gearbeitet und Truls war teilweise sehr irritiert, wenn er nicht traf, obwohl er wusste, dass der Ball in seine Rückhand kommen würde. Also änderten wir die Strategie und arbeiteten nur noch mit spielnahen Situationen, wodurch dann die Rückhand auch besser funktionierte. Je spielnäher, desto besser. Dasselbe galt für die Kreativität. Wir ließen die Übungen regelmäßig beginnen, danach aber ins freie Spiel übergehen, um ihm sozusagen die Option für unerwartete Lösungen anzubieten. Wir haben einige neue Positionen und Bewegungen getestet, um gefährlicher für Linkshänder zu werden. Wir haben auch viel an seiner Geschwindigkeit gearbeitet und uns auf die Übungen konzentriert, bei denen Truls schnell ist und sich schnell fühlt. Alles, um ihm vor der Abreise ein gutes Gefühl zu geben und ihn in eine gute Stimmung zu versetzen.“

Einer von vielen magischen Momenten in Houston. Foto: WTT

Gab es irgendwelche Erwartungen oder Ziele, die ihr vor seiner Abreise definiert hattet?

„Nein. Aber wir haben darüber gescherzt, dass ein Platz im Finale möglich ist. Siehe Mattias Falck im Jahr 2019. Mit viel Selbstvertrauen und einem gestärkten Glauben an die eigene Leistungsfähigkeit kann alles passieren. Und genau das ist es dann auch!“

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